Indonesischer Body-Horror-Film
»Alles unter einem Dach: Arbeit, Schlaf und Angst«
Edwins neuer Spielfilm Monster Pabrik Rambut feierte auf der 76. Berlinale seine Weltpremiere. Ein Film gespickt mit schaurig-grotesken, aber auch sozialkritischen Elementen – laut Edwin: »Alles unter einem Dach: Arbeit, Schlaf und Angst«. Im Gespräch des Regisseurs mit Sören Kittel erfahren wir mehr über nachwachsende Körperteile und warum der Horrorfilm in einer Haarfabrik auf Java spielt.
ein Interview von Sören Kittel

Filmstill aus Monster Pabrik Rambut (Sleep No More) von Edwin, Weltpremiere im Berlinale Programm 2026; Quelle: ©Palari Films
Eine kurze Einführung
Bei seinem neuen Spielfilm Monster Pabrik Rambut (Sleep No More) widmet sich der renommierte indonesische Filmemacher Edwin erstmals dem Genre des Horrors, einem Typus des Grauens, der Menschen bereits seit Jahrhunderten fasziniert.
Der Mix aus Fantasy und Horror verbindet übernatürliche, dämonische Phänomene mit sozialkritischen Bezügen und vielen haarigen Momenten.
Im Mittelpunkt dieses schaurig-arthousigen Familiendramas stehen die Geschwister Putri, Ida und Bona und eine unheimliche Fabrik, in der mysteriöse Dinge vor sich gehen.
Das originelle Drehbuch ist eine Art Gemeinschaftsarbeit und entstand in Zusammenarbeit zwischen Edwin, dem bekannten indonesischen Autor Eka Kurniawan und dem japanischen Filmemacher Daishi Matsunaga.
Monster Pabrik Rambut feierte bei den 76. Internationalen Filmfestspielen Berlin in der Sektion Berlinale Special Midnight seine Weltpremiere, einem Programm, das für die Welt des Genrekinos steht.
In den letzten Jahren ist Edwin als ein Vertreter des indonesischen Kinos immer wieder in Berlin zu sehen gewesen – ob bei der Präsentation von Lang-, Kurzfilmen oder in anderer Funktion.
Auf der 76. Berlinale präsentierte er sich bereits zum dritten Mal mit einem Spielfilm. Zuvor trat er bereits 2012 mit Kebun Binatang (Postcards from the Zoo) im Berlinale-Wettbewerb an und zeigte 2019 im Programm Kulinarisches Kino das Roadmovie Aruna dan Lidahnya (Aruna and her Palate). Sein Kurzfilm Trip to the Wound (2007) wurde ebenfalls 2009 auf der Berlinale gezeigt.
Seit über 20 Jahren im Filmgeschäft vertreten, gilt Edwin heute als eine der wichtigsten und einflussreichsten Stimmen des indonesischen Kinos.
Im Interview des Regisseurs mit Sören Kittel erfahren wir mehr über sein neuestes Werk, nachwachsende Körperteile und warum der Horrorfilm in einer Haarfabrik auf Java spielt.
InMaOn / JH
Warum haben Sie den Film in einer Haarfabrik spielen lassen? Das ist ein sehr spezieller, auch sehr seltsamer Ort.
Edwin: Mich hat von Anfang an interessiert, einen Film an einem einzigen Ort spielen zu lassen. Es ist der Ort, an dem alles stattfindet: Die Arbeiter arbeiten dort, sie schlafen dort, die Chefin Maryati lebt dort. Diese Fabrik ist wie eine Miniatur des menschlichen Alltags — arbeiten, essen, ausruhen — alles in diesen vier Wänden.
In dieser Fabrik wird viel mit der Hand gearbeitet, oder?
Edwin: Ja, alles verlangt große Präzision und Konzentration bei der Arbeit. Gleichzeitig ist das Material selbst ist etwas Organisches — es ist eben echtes Haar von Menschen. Es wurde abgeschnitten, weiter zu Perücken verarbeitet. Aber die Arbeiter wissen gar nicht, wer diese Perücken später trägt oder wofür sie verwendet werden. Manche werden schöner dadurch, manche verkleiden sich vielleicht nur. Es kann vieles sein.
Ist das eine echte Haarfabrik im Film?
Edwin: Nein. Wir haben in einem alten, ungenutzten Gebäude der staatlichen Filmgesellschaft PFN gedreht. Das haben wir komplett umgebaut und als Haarfabrik gestaltet. Aber wir haben vorher in echten Fabriken recherchiert. Ein Freund von mir hat Zugang zu so einer Fabrik, dort konnte ich mich umschauen.
Produzieren sie heute noch?
Edwin: Etwa 90 Prozent der Produktion dort ist für den Export. Indonesien ist ein wichtiger Perücken-Lieferant für die ganze Welt. Die Fabrik war sehr offen, ich durfte alles sehen. Es gab große Anlagen zum Erhitzen, Waschen, Trocknen und Aufhängen der Haare. Viele der Requisiten im Film stammen direkt von dort — wir haben sie ausgeliehen, auch die Haare selbst. Große Bündel, das Haar im Film ist alles echt.
Und die Atmosphäre — stimmt sie mit echten Fabriken überein?
Edwin: Ja. Viele Details stammen aus realen Fabriken. Zum Beispiel auch Körperteile, die dort herumliegen — künstliche Hände, Füße, Augen. Oft produzieren diese Fabriken nicht nur Echthaar, sondern auch Prothesen.
Wer braucht so viele Perücken?
Edwin: Sie kommen in vielen Bereichen vor: fürs Theater, für ältere Leute, für Krebskranke, für die gibt es auch Silikon-Brustprothesen in den Fabriken. Und auch fürs Kino brauchen wir Perücken. Der auch das Theater-Blut, das stellen sie auch her.
Im Film fließt viel Blut, ist das eine Anspielung an die Arbeitsbedingungen in der Branche?
Edwin: Ja. Aber es geht nicht nur um die Arbeitsbedingungen in diesen Fabriken, sondern in allen Manufakturen in Indonesien, auch in anderen Branchen. Auch in der Filmbranche selbst oder in der Werbung gibt es Überarbeitung. Menschen arbeiten so viel, dass sie krank werden oder sogar sterben. Uns interessierte: Was passiert, wenn Arbeit alles einnimmt? Wenn sie Schlaf, Zeit, Körper fordert?
Und wenn sie gleichzeitig nicht wissen, warum sie etwas tun? Manche arbeiten nur, um Schulden abzubezahlen.
Edwin: Manche arbeiten, weil sie es lieben. Andere, weil sie müssen, um zu überleben. Aber in beiden Fällen geben sie alles — sogar Dinge, deren Zweck sie nicht kennen. Wie die Haare im Film: Die Arbeiter wissen nicht, für wen sie produzieren.
Das ist Ihr erster Horrorfilm, oder?
Edwin: Ich bin mit Horror und Komödie aufgewachsen, das Genre ist in Indonesien sehr beliebt. Das waren die Filme, die ich als Kind am meisten gesehen habe. Selbst Komödien enthalten in Indonesien oft Horrorelemente. Das gehört zu meinen filmischen Erinnerungen.
Warum wollten sie jetzt selbst einen machen?
Edwin: Ich habe vorher eher Drama oder experimentelle Filme gemacht, aber ich wusste immer, dass ich irgendwann Horror drehen werde. Horror ist sehr filmisch. Schon in der frühen Filmgeschichte gab es Horror — Nosferatu, Caligari. Auch in Indonesien gab es schon immer mystische Geschichten, Legenden, Geisterfiguren.
Horror passt gut zum Kino: Licht und Dunkelheit, Rhythmus, Spannung. Und er passt zu Kulturen, die sich mit dem Übernatürlichen beschäftigen oder mit Dingen, die historisch nicht ganz erklärbar sind. Horrorfilme erlauben es, solche nicht ganz realen Dinge ein Bild zu geben.
Eine Figur im Film kann Körperteile nachwachsen lassen. Warum?
Edwin: Ursprünglich ging es nur um zwei Schwestern, Ida und Putri, die in der Fabrik arbeiten, um die Schulden ihrer Mutter zu bezahlen. Aber wir brauchten ein weiteres Element — jemanden, den sie beschützen müssen. Diese Figur ist Teil ihrer Familie, aber nicht ganz vollständig. Familie spielt eine wichtige Rolle in vielen Geschichten. In Indonesien soll Familie nach außen immer perfekt wirken — harmonisch, rein, sauber. Aber in Wirklichkeit ist sie nie perfekt, es gibt immer Probleme, Konflikte, Risse im Bild. Diese Figur macht diese Unvollkommenheit in der Familie sichtbar. Am Ende opfert er seinen eigenen Körper, um zu arbeiten und die Schulden zu begleichen. Sein Körper wird zur Ware für das Monster.
Wie trafen sie die Entscheidung, die Fabrikbesitzerin Maryati von einem Mann spielen zu lassen?
Edwin: Ich wollte schon lange unbedingt mit dem Tänzer Didik Nini Thowok arbeiten. Er ist ein Meister der Bewegung. Schon als Kind war ich fasziniert davon, wie er mit seinem Körper Figuren darstellen kann — vorne ein Gesicht, hinten ein anderes. Eine Drehung – und er sieht anders aus. Das hat mich schon immer inspiriert.
Er bleibt auch bis zum Ende eine ambivalente Figur.
Edwin: Maryati hat zwei Wesen, sozusagen: Einerseits ist sie Anführerin, die für ihre Arbeiter sorgt. Andererseits ist sie mit dem Monster verbunden und fordert immer neue Opfer. Diese Gegensätzlichkeit passt zu Didis künstlerischer Ausdruckskraft.
Gehen Sie mit dieser Entscheidung ein Risiko ein? Indonesien ist immer konservativer geworden in den vergangenen Jahren…
Edwin: Ja, es gibt Veränderungen. Politik, Sexualität — vieles wird konservativer. Früher war die Gesellschaft offener, das stimmt wohl. Künstler wie Didik Nini Thowok oder trans Schauspielerin Dorce Gamalama wurden lange selbstverständlich akzeptiert. Heute ist vieles strenger geworden.
Wie erleben Sie Berlin und die Berlinale?
Edwin: Ich war bisher immer nur im Winter hier. Ich kam zum ersten Mal 2004 oder 2005 zur Berlinale, damals als Teilnehmer der Berlinale Talents. Damals habe ich alles von außen gesehen — glamourös, fremd. Heute verstehe ich die Industrie besser. Meine Erfahrung mit dem Festival ist sehr positiv. Das Publikum reagiert warm auf meinen Film.
In Indonesien geht das Publikum sehr mit, die Menschen rufen und schreien mehr bei gruseligen Szenen. Wie war das hier in Deutschland?
Edwin: Ich hatte Angst, dass deutsche Zuschauer weniger expressiv sind, aber sie haben gelacht, applaudiert, Fragen gestellt. Obwohl es ein Horrorfilm ist, war die Atmosphäre fast herzlich.

Internationales Poster Monster Pabrik Rambut (Sleep No More), Weltpremiere im Berlinale Programm 2026; Quellen: Weltvertrieb / Showbox Corp., Seoul, Südkorea + ©Palari Films
Über den Autor | Sören Kittel
Als Journalist und Pressereferent bei Reporter ohne Grenzen (RSF) arbeitet Sören Kittel zu den Themen Pressefreiheit, Medienpolitik und Journalismus weltweit mit einem besonderen Schwerpunkt auf Asien-Pazifik. Zuvor war er viele Jahre als Redakteur tätig, unter anderem als Ressortleiter Berlin bei der Berliner Zeitung und als Journalist bei der Funke Mediengruppe. Er hat in Leipzig, Amsterdam und Berlin Südostasienwissenschaften studiert und zwei Reisebücher geschrieben, eines davon zu Indonesien: Inselhopping Indonesien (DuMont-Reise).
Über den Filmemacher | Edwin
Edwin studierte in seiner Geburtsstadt Surabaya Grafikdesign und Film am Jakarta Institute of Arts. Sein Kurzfilm Kara, Anak Sebatang Pohon (Kara, the Daughter of a Tree) wurde 2005 als erster indonesischer Film in der Sektion Director´s Fortnight auf dem Cannes Internatiomnal Festival gezeigt. Sein Langfilmdebüt Babi Buta yang Ingin Terbang (Blind Pig Who Wants to Fly) wurde 2009 in Rotterdam mit dem Fipresci-Preis ausgezeichnet.
Im Rahmen des Asian Hot Shots Berlin Filmfestival 2009, mit Länderfokus Indonesien, gab es mit dem »Edwin Special« erstmals eine filmische Werkschau des Regisseurs im deutschsprachigen Raum zu sehen.
Kebun Binatang (Postcards from the Zoo), ausgezeichnet mit einer Verleihförderung, lief 2012 im Wettbewerb der Berlinale und wurde bei den Asian Film Awards mit dem Edward Yang New Talent Award ausgezeichnet. Aruna dan Lidahnya (Aruna and her Palate), eine Liebeserklärung an die indonesische Küche, hatte seine Europapremiere auf der Berlinale 2019. Die Handlung basiert auf einem Roman der preisgekrönten Schriftstellerin Laksmi Pamuntjak. Seperti Dendam, Rindu Harus Dibayar Tuntas (Vengeance Is Mine, All Others Pay Cash) erhielt 2021 den Goldenen Leoparden beim Festival in Locarno. 2024 folgte Kabut Berduri (Borderless Fog), 2026 Monster Pabrik Rambut (Sleep No More) (…).
Weitere Filme von Edwin, als Regisseur oder Produzent, auf der Plattform MUBI

Filmstill aus Monster Pabrik Rambut (Sleep No More) von Edwin, Weltpremiere im Berlinale Programm 2026; Quellen: Weltvertrieb / Showbox Corp., Seoul, Südkorea + ©Palari Films



