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Initiativen in Hamburg und Jakarta

Not macht erfinderisch! Aktionen der Solidarität in Zeiten der COVID-19-Pandemie

 

Die Coronakrise betrifft die Menschen weltweit. Stärker denn je zeigt sich aktuell der Wert gemeinschaftlichen Handelns. Wie Indonesier in Deutschland und der Heimat mit der Situation umgehen, zeigen zwei Initiativen aus Hamburg und Jakarta.

von Birgit Lattenkamp / BL und Jörg Huhmann / JH

 

 Initiative von Teguh Ostenrik, Nahrungsmittelverteilung im Kampung Pulo, Cilandak Barat, Jakarta; Bildquelle: alle Einzelbilder zur Verfügung gestellt von T. Ostenrik / Bildkomposition InMaOn

 

Im Zuge der anhaltenden Krise erfährt vor allem zivilgesellschaftliches Engagement eine besondere Bedeutung und Aufwertung. Mehr denn je ist solidarisches Handeln gefragt, ein Schlüssel, um diese Notlage gemeinsam zu durchstehen.

 

In der indonesischen Tradition ist Solidarität eng mit dem Konzept von »gotong royong« verknüpft. Viel stärker als bei uns kommt dieser Gemeinschaftssinn aus einer kulturell verwurzelten Haltung, »etwas gemeinsam zu tragen und zusammen für ein kollektives Ziel einzustehen«.

 

Wie Protagonisten in Deutschland und Indonesien diesen Gemeinschaftssinn erleben, zeigen die folgenden zwei Initiativen aus Hamburg und Jakarta.

 

Aus #masks4friends wird #masks4all

 

Zu Beginn wollte Nuke Manirjo  nur ihre eigene Familie und enge Freunde mit Mundschutzmasken versorgen. Die in Jakarta geborene Indonesierin lebt nun schon seit  14 Jahren in Hamburg, wo wir mit 1500 Mitbürgern auf eine der größten städtischen Indonesien-Diasporas Deutschlands blicken. Vor der Geburt ihrer fast zweijährigen Tochter hatte sie häufig Kleidung und Accessoires für ihre Lieben und sich selbst genäht. Der Gedanke endlich mal wieder an der Nähmaschine zu sitzen und kreativ tätig sein, gefiel ihr in den manchmal doch eintönigen Corona-Zeiten immer mehr. Zu ihrer eigenen Überraschung hatte sie über die Zeit einiges an Stoffstücken und –resten angesammelt. Manche der Stoffreste reichen gerade mal für die Anfertigung einer Maske aus. Somit entstehen automatisch kleine Unikate. Nukes Masken aus geschickt kombinierten einfarbigen und gemusterten Stoffresten sind echte Hingucker. Die ersten Ergebnisse präsentierte sie unter dem Hashtag #masks4friends auf Facebook und Instagram lediglich, um andere Menschen zu animieren, es ihr gleich zu tun. Stattdessen erreichte sie eine wahre Flut an Anfragen von Freunden und Bekannten vor allem aus der in Deutschland lebenden indonesischen Community. Seitdem näht Nuke fast jeden Tag mehrere Stunden und verschickt ihre Kreationen in ganz Deutschland. Ihrem Anspruch, in der Zeit der Pandemie helfen zu wollen, ist  sie treu geblieben und lehnt jede Bezahlung ab. Selbst für die Versandkosten kommt sie auf. Stattdessen erfreut sie sich an den vielen Fotos, die ihr von Familien, Paaren und Einzelpersonen  zugeschickt werden, auf denen sie alle ihre Mundschutze made by Nuke tragen. Der Hashtag lautet seitdem #masks4all.

 

Als sie schließlich von ihrem Ehemann Pangky Manirjo,  dem zweiten Vorsitzenden des Verbands Deutsch-Indonesischer Fachkräfte und Akademiker e.V. (IASI), von der geplanten  Behelfsmundschutzmasken-Spendenaktion des Verbands erfuhr, war ihr sofort klar, dass sie sich an dieser beteiligen würde. »Ein geeignetes Schnittmuster hatte ich ja schon entworfen und da ich mittlerweile fast täglich nähe, schaffe ich immer mehr Exemplare in kürzerer Zeit.«  

 

Die erste Spendenphase  von IASI mit dem Ziel, 200 Stoffmundschutze für Einrichtungen wie Flüchtlingsunterkünfte, Senioren- und Kinderheime in den Städten Münster, Hannover und Bad Homburg anzufertigen, konnte vor kurzem abgeschlossen werden. Neben Nuke schneiderten drei weitere Indonesierinnen für die Initiative. Andere wiederum beteiligten sich durch Geld- oder Materialspenden. Vor Abgabe an die Institutionen wurden die Mundschutze einer strengen Qualitätskontrolle durch Imelda Kurniawan und E. Hellen Kustarnti aus der »Division Architektur & Design« unterzogen, die die Aktion organisieren. 

 

Eine zweite Phase läuft bereits. Über die Webseite von IASI und in den sozialen Netzwerken kann mehr über den weiteren Verlauf der Aktion nachgelesen werden. Der Verband hofft auf eine noch regere Teilnahme seiner Mitglieder und der in Deutschland lebenden Indonesier. Nuke ist auf jeden Fall wieder mit an Board!

 

 

Ausgefallens Maskenkreationen (mit Kinder- und Batikmotiven) von Nuke Manirjo (im Bild rechts); Bildquelle: alle Einzelbilder von Nuke Manirjo

 

»Hadapi bersama«

 

Jakarta ist das Zentrum der Coronakrise in Indonesien. In kürzester Zeit hat das Virus  den Alltag der Menschen auf den Kopf gestellt. Inmitten der Corona-Pandemie und einer Zeit der Kontaktlosigkeit haben zahllose »informellen Kleinunternehmer*innen« wie Masseure und Friseure sowie Hotel- und Restaurantkellner ihren Job verloren. Eine spontane Initiative dieser Tage – »Hadapi bersama«, auch als #NoFear kommuniziert – verspricht Hoffnung.

 

Auch der Künstler Teguh Ostenrik lebt dort. In der indonesischen Kultur aufgewachsen, hat er auch Verbindungen nach Deutschland. Er studierte an der Hochschule der Künste in Berlin und verbrachte im Anschluss unter anderem einige kreativen Jahre in Köln. Teguh Ostenrik ist Initiator der solidarischen Aktion »Hadapi bersama« in seinem Kampung in Cilandak Barat, im Süden Jakartas.

 

Begonnen hat alles Anfang April. Auf seinen täglichen Runden durch sein Stadtviertel trifft er auf Essensverkäufer, die an ihren Ständen am Straßenrand Essen wie Ketoprak, Nasi Uduk, Bubur Ayam und anderes verkaufen. »Seitdem die Bevölkerung von Jakarta gebeten wurde, das Haus nicht mehr unnötig zu verlassen und von zu Hause aus zu arbeiten, sind die sonst sehr belebten Straßen ziemlich leer geworden. Als Folge hatten die Essensverkäufer nun zwischen 9 und 10 Uhr noch jede Menge Essen übrig, das sie nicht verkaufen konnten«, erzählt Teguh.

 

In dieser Corona-Alltagsituation entwickelte der Künstler die Idee für eine Hilfsaktion:  Er nahm nun jedes Mal auf seiner Tour etwas Bargeld mit. Das Geld verteilte er an die Essensverkäufer am Straßenrand mit der Bitte, von diesem Geld Essensportionen (Nasi bungkus) zu je 10.000 Rp zusammenzustellen und an Bedürftige, wie Motorradtaxi-Fahrer, Tagelöhner und Müllsammler gratis zu verteilen.

 

Eine Mitwirkende der ersten Stunde ist Ibu Ilah, die Masseurin von Teguh, Ebenfalls von »social distancing« betroffen, ist die seit Beginn der  Pandemie arbeitslos. Ihre neue Jobbeschreibung bei Teguhs Aktion: Mit einem vorgegebenen Budget, täglich 30 Portionen Essen zuzubereiten. Diese sollte sie dann wiederum an Bedürftige in ihrer Nachbarschaft in der Jl. Bango/Pondok Labu verteilen, wie Fahrer von Minibussen, Betreibern von kleinen Warungs, Tagelöhnern.

 

»Doch nach einer Woche wurde mir klar, dass ich eine solche Hilfsaktion, die wahrscheinlich längere Zeit andauern müsste, nicht alleine bewältigen kann, zumal die Zahl der Hilfsbedürftigen stetig anstieg. Ich machte daraufhin Fotos vor Ort und verschickte diese an Freunde und Bekannte mit der Bitte, unsere Hilfsaktion zu unterstützen«, berichtet Teguh.

 

Die Idee von »Hadapi bersama« nahm somit Form an. Um die Aktion auszuweiten, kontaktierte Teguh den lokalen Vorsteher seines Kampungs Pulo Cilandak Barat, Pak RT09, um zu erfahren wie viele bedürftige Personen es in ihrem Viertel gibt. Er beauftragte weitere  Essensverkäufer in der Nähe mit der Vorbereitung und Bereitstellung von Essensportionen, zunächst einmal 20 pro Tag, die dann zumeist von den »Vertretern der Nachbarschaft« (RT / Rukun Tetangga) direkt verteilt und an die Leute übergeben wurden.

 

»Das weitete sich dann aus«, so Teguh. »Nachdem immer mehr Mittel zur Verfügung standen, kontaktierte ich auch weitere Nachbarschaftsverbände von weiter entfernt liegenden Wohnvierteln, um eine Liste der bedürftigen Anwohner zu bekommen. So wurde unsere Hilfe von anfangs 1 RT auf zunächst 3 RT erweitert und am 18. Tag unserer Hilfsaktion erreichten wir bereits 11 RT.«

 

Bis heute konnten nach Auskunft von Teguh Ostenrik insgesamt über 5500 Essensportionen (und über 300 Portionen Nasi bungkus /Tag) an Bedürftige verteilt werden. Teguh hat dabei die Funktion des Initiators dieser Hilfsaktion, die Verteilung selbst liegt in den Händen der Beauftragten des jeweiligen RT. Sie haben die Aufgabe übernommen, das Essen an den Essenständen abzuholen und an die Bedürftigen weiterzugeben. Um dabei Körperkontakt möglichst zu vermeiden, wird alles über WhatsApp koordiniert.

 

Zur finanziellen Abwicklung der Hilfsaktion meint Teguh: »Ich gebe einen wöchentlichen Bericht über die zur Verfügung stehenden Finanzen ab, da uns Transparenz sehr wichtig ist. Schließlich spenden unsere Freunde und Bekannten für diese Aktion, weil sie uns ihr Vertrauen schenken. Alle Spender und Interessierte können Fotos von der Essensverteilung und den Finanzbericht in meiner Instagram-story @teguhostenrik anschauen.«

 

Die solidarische Initiative von Teguh Ostenrik und seinen zahlreichen Unterstützern hat sich mittlerweile auf weitere Gegenden ausgeweitet und es werden auch andere Nahrungsmittel als abgepackter Reis mit Gemüse verteilt, wie z.B. Bananen, Gemüse, Fisch.

 

Nach der Dauer der Aktion gefragt, antwortet Teguh: »Da kann ich nur sagen: Solange, bis diese Hilfsbedürftigen wieder normal arbeiten können und die wirtschaftliche Situation sich stabilisiert hat. Aber die Dauer unserer Hilfe ist auch abhängig davon, wieviel und wie lange wir ausreichend Spenden erhalten. Mit nur 10.000 Rp können wir die Existenz der Frauen unterstützen, die in ihrem Viertel einen kleinen Warung betreiben und durch ihre Arbeit wiederum anderen Bedürftigen helfen, die von der Pandemie sehr betroffen sind. Dies ist das wahre Leben, und für mich als Künstler ist diese Aktivität eine andere Form der Arbeit«

 

Mehr Eindrücke über die Hilfsaktion bietet auch die 4-minütige YouTube-Reportage von Yohanes Triasputro unter hadapi bersama

 

 Teguh Ostenrik (blaues T-Shirt) beim Ankauf von Bananen, die dann im Kampung weiter verteilt werden; Bildquelle: zur Verfügung gestellt von Teguh Ostenrik

 

 


Anmerkungen der Redaktion

 

gotong-royong | in deutscher Übersetzung: »Gemeinschaftsarbeit, etwas mit vereinten Kräften tun oder auch Nachbarschaftshilfe«. Mehr dazu kann auch in einem neueren Aufsatz nachgelesen werden: Leendert Slikkerveer, 2019. Gotong Royong: An Indigenous Institution of Communality and Mutual Assistance in Indonesia, Leiden University | LEI · Leiden Ethnosystems and Development Programme (LEAD).

 

hadapi bersama |frei übersetzt mit »Gemeinsam entgegentreten, sich einer Sache/Situation gemeinsam stellen.«

 

Nasi bungkus | »nasbung«,Kurzversion, bezeichnet verpackten Reis, auch als eine Art take-away-food zu verstehen und überall in Indonesien bekannt.

 

RT / RW | in der indonesischen Übersetzung Rukun Tetangga / Rukun Warga. Es entspricht den kleinsten indonesischen Verwaltungseinheiten. Ein  RT besteht aus 40 bis 50 Haushalten. Ein RW umfasst 5 bis 15 RTs. Als RT wird häufig einfach nur der Vorsteher / Leiter bzw das Oberhaupt einer Verwaltungseinheit selbst bezeichnet. Zu diesen und weiteren Begriffen aus diesem Umfeld finden sich auch Anregungen in der folgenden Dissertation: Asnawi, 2006. Ansätze zur Entwicklung von neuen Wohnvierteln mit Bewohnerbeteiligung für niedrige Einkommensgruppen in Indonesien. Modellprojekte in Semarang im Vergleich, Kassel University Press, 2006, 217 S.

 

 

 

Indonesien Magazin Online

 

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