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Kurzgeschichte

Jakarta revisited

 

Bei einer Stadt wie Jakarta ist es nicht schwer eine Art »Hassliebe« zu zeigen. Die Megametropole Jakarta bietet viel Raum für ambivalente Gefühle. Der Autor hat da seine ganz eigene Geschichte zu erzählen.

Von Michael Kiesling

 

Sunda Kelapa, Jakarta | Bildquelle: Michael Kiesling 

 

Mein erster Besuch in Jakarta liegt über zwanzig Jahre zurück. Damals habe ich es gehasst. Richtig gehasst! Es war mein erster Besuch in Asien, und es dauerte gerade einmal zwei Tage, bis ich einen ätzenden Kulturschock hatte, der sich auch abends nicht mit einheimischen Bintang Bier wegtrinken ließ. Und so ein Schock ist eine ernst zu nehmende Sache! Man erkennt ihn daran, dass einem alles auf die Nerven geht: Die Menschen, die einem mit offenen Mündern anstarren, der niemals abreißende Strom von Taxen, Autos, Bussen und Motorrädern, der Dreck, der Gestank und der Staub, der einem in der monsunschwangeren Luft den Atem verklebt. Also bin ich nach sieben Tagen wieder nach Hause geflogen und habe geschmollt. Allerdings hat es nicht lange gedauert, bis ich wieder in Jakarta war, und: Ich fand meinen Frieden mit dieser Stadt.

 

Jakarta, die Hauptstadt von Indonesien, ist mit ihren geschätzten zehn Millionen Einwohnern eine eher ungeliebte asiatische Metropole. Mit einer Handvoll Museen, die vernachlässigt um den Taman Fatahillah Platz herumlungern, dem Nationalmonument oder der großen Moschee kann Jakarta nicht mit den Tempeln in Bangkok, der Skyline von Singapur oder der Altstadt von Hanoi mithalten. Die billigen Unterkünfte in der Jalan Jaksa verdienen nicht gerade einen Oscar in Sachen Preis-Leistungs-Verhältnis und das Bussystem, mit seinen nicht vorhandenen Fahrplänen, macht es dem Individualreisenden schwer, sich ohne teures Taxi von A nach B zu bewegen. Zumal man auch im Taxi nie sicher sein kann, ob der Fahrer das angegebene Fahrtziel richtig verstanden hat, geschweige denn dieses überhaupt kennt und weiß, wie er dort hinkommt. Bei den dreirädrigen Motorbecaks ist Handeln angesagt und am Ende bezahlt der Tourist oft mehr, als für ein Taxi. So bleibt für Jakarta bei Reisenden meist nur der Status des Sprungbrettes übrig, nicht mehr wert als eine Nacht, bevor es am nächsten Tag ins kulturell interessantere Yogyakarta, nach Bali oder irgendwo nach Sumatra geht.

 

Der Grund, warum ich weniger als ein Jahr nach meinem desaströsen Einstand wieder nach Jakarta zurückkehrte, war der fünfzigste Geburtstag meines Vaters, der sich zu dieser Zeit aus beruflichen Gründen dort aufhielt. Ich flog also zu ihm und wohnte in seinem Haus im Stadtteil Kemang, einer besseren Wohngegend, in der viele ausländische Firmen ihre Mitarbeiter unterbringen. Das Haus ähnelte von Größe und Ausstattung einem deutschen gehobenen Mittelklassehaus, kleine Bar und Pool inklusive. Die ersten Tage lungerte ich an eben diesem Pool herum, ergab mich dem trägen Drängeln meines Jetlags, und versuchte nicht an die unbequeme Welt weiter nördlich im Stadtzentrum zu denken. Abends gingen mein Vater und ich in den Jaya Pub, das Hardrock Cafe oder in die Kneipe, deren Name ich vergessen habe, und spielten um 1.000 Rupiah Scheine - etwa 35 Eurocent - Billard. Am vierten Tag nahm mich mein Vater mit zum alten Hafen, Sunda Kelapa, wo die alten Holzdschunken liegen. Er mietete ein Boot mit Ruderer, der uns für eine halbe Stunde zwischen den Schiffen hin und her paddelte. Mein Vater saß rauchend vor mir im Boot, den Blick im Nichts. Er strahlte dabei eine Ruhe, Normalität und Gelassenheit gegenüber der Welt um ihn herum aus, die ansteckend gewesen sein musste. Es war der Punkt, an dem meine Waffenstillstandstaktik Jakarta gegenüber in den großen Sprung nach vorne wechselte. Am nächsten Tag ließ ich den Liegestuhl am Pool links liegen und ging los.

 

Paulo Coelho, brasilianischer Schriftsteller, schreibt in seinem Buch »Der Zahir« über Touristen, die Paris besuchen und dabei eine Seine-Bootsfahrt machen. Danach behaupten sie, sie wären in Paris gewesen. Coelho bezweifelt das. Er behauptet, dass sie niemals dort waren. Statt dieser Bootsfahrt wäre es besser gewesen die Stadt zu erfahren »... indem man die Bars besucht, durch die Straßen geht, die nicht in den Reiseführern stehen, und sich in ihnen verläuft und verliert, um sich selber zu finden.«

 

Ich habe Jakarta gefunden. Nicht auf einer Bootsfahrt, sondern ich habe mich verlaufen – in Kebayoran Baru, in Menteng, in Grogol und Glodok, entlang der Slums der Bahngleise und den stinkigen Kanälen, wo die Ärmsten wohnen, die mich mit einer sympathischen Neugier und Herzlichkeit abgeklärt anlächelten, als wären sie Buddha persönlich. Ich bin durch die undramatischen Seitenstraßen gewandert, wo die Zugezogenen von Kalimantan, Bali, Sulawesi oder Sumatra leben, auf der Suche nach dem kleinen Glück. Jakarta hat sich – trotz einer wachsenden Anzahl an Hochhäusern, Bürogebäuden mit Spiegelfassaden sowie extravaganten Hotels – eine Ursprünglichkeit erhalten, die in Kuala Lumpur und Singapur schon längst dem sogenannten Fortschritt zum Opfer gefallen ist. Und genau das ist es auch, was mich heute immer wieder nach Jakarta treibt, um dort für einige Tage oder Wochen zu leben: das Ursprüngliche, das Indonesische, das Lebendige, das Menschliche.

 

Wenn ich heute in Jakarta bin, wohne ich in der Nähe vom Pasar Senen, etwa eineinhalb Kilometer nördlich vom Stadtzentrum mit dem Gambir Hauptbahnhof und dem Freiheitsplatz, dem Herz der Stadt. Vor meinem Hotel gibt es jeden Tag einen Markt für Bücher und CDs mit islamischer Musik, Gebeten und Textlesungen, und morgens, wenn ich mein Hotelzimmer verlasse, weiß ich, dass ich ein Teil dieser Stadt bin. Ich besorge mir eine Jakarta Post, setze mich an den Senen Bahnhof, trinke süßen Tee aus der Flasche und lasse mir mit Genuss von der monsunschwangeren staubigen Luft den Atem verkleben. Dann weiß ich, dass ich lebe.

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