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 »Kreativität meets Corona«

Klangkunst und Esskultur – Einblick in die indonesische Kulturszene Berlins zur Coronazeit

 

Ariel Wilhem Orah und Jan Knut Thedja leben als freischaffende Künstler in Berlin. Erfahren Sie im Gespräch mit Gudrun Ingratubun mehr über ihre Kunst, die neuen Herausforderungen unter den veränderten Lebensbedingungen in der Coronazeit und Perspektiven für die Zukunft.

Ein Interview von Gudrun Ingratubun

 

 Ariel Wilhelm Orah und jan Knut Thedja von Sioydivion; Bidlquelle: Dico Bascoro

 

In Berlin existiert eine lebendige indonesische Kulturszene, die durch ihre zahlreichen kreativen  Einflüsse und Formate das Leben in der deutschen Hauptstadt nachhaltig belebt. Die Buchkünstlerin und Übersetzerin Gudrun Ingratubun hat mit dem Experimentalmusiker und Nachhaltigkeitsaktivisten Ariel Wilhem Orah aus Bandung und Jan Knut Theja / DJ Jan K aus Jakarta über ihre künstlerische Arbeit und die Auswirkungen der Coronazeit gesprochen. Beide arbeiten in Berlin in dem Kollektiv Soydivsion zusammen. Soydivsion  provoziert durch seine interdisziplinären Aktionen an der Schnittstelle von experimenteller Kunst und Kulinarischem und regt zum Nachdenken über die Vielschichtigkeit von Identität an.

 

Zunächst einmal die Frage, was hat Euch denn nach Berlin verschlagen?

 

Jan Knut Thedja: Ich habe in Jakarta Abitur gemacht, und dann in München das Studienkolleg besucht und Medizin studiert. Meine erste Stelle als Anästhesist erhielt ich später in Düsseldorf. Später hatte ich Lust auf eine größere Stadt und auch in einem größeren Krankenhaus zu arbeiten. Gleichzeitig ist meine Plattensammlung immer größer geworden und seit 2011 habe ich begonnen immer mal wieder an verschiedenen Orten aufzulegen.

 

Ariel Wilhelm Orah: Ich habe meinen Bachelor in Bandung gemacht, in Business Administration. 2007 war ich für ein Auslandssemester in Erfurt. An einem Wochenende bin ich mit ein paar Leuten nach Berlin gefahren und war begeistert von den Möglichkeiten hier. Nach dem Studium habe ich erst mal 3 Jahre in Jakarta gearbeitet als Marketing Officer in einem Design Studio. Mein Job war es, neue Kunden zu gewinnen. Dann bin ich nach Berlin gekommen und habe nach einem Praktikum Sustainability Management (Masters) studiert. Was das Musikalische betrifft, war ich schon in Bandung Mitglied einer experimentellen space rock band gewesen und war viele Jahre als Radio DJ aktiv. In Berlin habe ich Film- und Theatermusikprojekte gemacht und bin in den verschiedensten Konstellationen als Performer aufgetreten (Anmerkung Red.: Mehr dazu ist auch unter in dem Format »ravenative« zu sehen.) 

 

Und wie habt Ihr beiden Euch kennengelernt und seid dann künstlerisch zusammengekommen?

 

Jan: Mitte 2018 hat sich ein Bekannter von meiner Freundin Nina bei Ariels altem Kollektiv Luftmenschen als Designpraktikant beworben. Nina ist dann mitgegangen.

 

Ariel: Wir hatten aber gar keine Stelle. Dabei hat sich herausgestellt, dass Nina auch aus Bandung ist, wir den gleichen Freundeskreis haben und sie das gleiche Gymnasium wie mein Bruder besucht hat. Ich kenne auch ein paar ihrer Kommilitonen von ihrem Design-Studium. Bandung ist super, super klein.

Im Frühjahr 2018 hatte ich schon eine Soydivision-Veranstaltung »Soy and Synth« gemacht und wollte das jetzt regelmäßig realisieren. Ich habe dann Nina eingeladen, um mit ihr zusammen eine Performance zu machen. Später habe ich auch Jan gefragt, als DJ dazuzukommen.

 

Was für eine Art von Performance macht Nina?

 

Jan: Nina, mit vollem Namen Nindya Nareswari, ist Lichtkünstlerin; sie arbeitet mit einer Lichtquelle und unterschiedlichen Materialien wie Prismen. Alles wird dann auf Video aufgenommen und an eine Leinwand projiziert und Ariel hat die Aktion mit experimenteller, elektronischer Musik begleitet. Beide haben weiße Masken getragen und das Thema waren die dunklen Umstände von Suhartos Machtergreifung in Indonesien. Das war die erste Kollaboration.

 

Ariel: Und dann wurde unsere Zusammenarbeit immer intensiver, regelmäßig im Motif Wein, einem Wein und Musikspace in Neukölln. Und 2018 hat Jan mir gesagt, dass er im Krankenhaus kündigen will.

 

Jan: Im Herbst hatte ich meine Facharztprüfung abgelegt, nach 7 Jahren harter Arbeit.. Da dachte ich, ich gönne mir mal eine Pause. Ich war auch schon ziemlich fix und fertig. Und Ariel meinte dann auch, er sei nicht so glücklich mit seiner Arbeit.

 

Ariel: Ich hatte zu der Zeit auch keinen Bock mehr auf meine Arbeit; ich habe in der Beratung für Innovation und Nachhaltigkeit gearbeitet. Ich war schon seit 2017 nicht mehr zufrieden.

Anfang 2018 ist mein Sohn geboren, dann habe ich doch lieber erst mal dort weitergearbeitet. Dann hat Oscar Bernal von Motif Wein mich gefragt, ob ich dort auftreten und gleichzeitig indonesisch kochen möchte. Ich koche privat sehr gern aber mit meiner Musik hatte ich es noch nie verbunden.

 

 Ariel 0rah & Nindya Nareswari: “ORBA - ORLA” bei Soy&Synth #03; Bildquelle: Olivia Kwok

 

Wann habt hast Du denn Soydivision gegründet? 

 

Ariel: Das ist eine lustige Geschichte. Meine Freundin Lisa hat mir zum Geburtstag die Domain Soydivision geschenkt, verbunden mit der Idee doch mehr mit meiner hier in Berlin entwickelten Affinität zum Kochen  umzusetzen. Bisher hatten wir relativ regelmäßig ungefähr einmal im Monat 6-12 Leute zum Essen zu uns eingeladen. Ich habe aber erst mal nichts mit der Domain gemacht.  Und dann kam die Anfrage von Oscar. Ich habe zugesagt und einen Instagram Account angelegt und auch begonnen die Webseite zu nutzen.

 

Was bedeutet für Euch der Zusammenhang zwischen Essen und Performance. Was wollt Ihr dadurch ausdrücken?

 

Ariel: Im Januar 2019 habe ich Jan gefragt, ob er das Konzept »Soy and Synth« mit mir weiterentwickeln will.  Und aus unserem gemeinsamen Engagement ist dann das »Empathy Supper« entstanden. Wir wollten das Zusammenspiel von Kunst und Musik weiterdenken. Beim »Empathy Supper« gibt es 5 Gänge und Musik und Theater. Wir gestalten den Raum in besonderer Weise. Es gibt mehr zu arrangieren und planen. Es gibt mehr Möglichkeiten, mit anderen Kunstrichtungen zu kollaborieren, auch aus anderen Ländern.

 

Jan: Im Motif Wein ist es sehr schön, aber die Möglichkeiten sind auch irgendwie begrenzt. Ariel war im Mai 2019 bei einem Festival in Zürich eingeladen. Da ging es auch um Kulinarisches und Kunst. Das war eine große Inspiration für uns. Im Sommer 2019 sind wir dann auch in einigen anderen Ländern gewesen, in Litauen und in England, in Zusammenarbeit mir der Autorin  Feby Indirani. Ariel war dann Ende letzten Jahres noch in Dänemark.

 

Ariel: Die Leute sind begeistert von dieser Mischung aus Kunst und Essen. Aber ja, wir sind halt Indonesier und verkaufen indonesisches Essen. Das wirkt natürlich auch irgendwie exotisch...

 

Jan: Natürlich spielen wir auch irgendwie die Exotikkarte. Aber ich persönlich lebe jetzt schon lange in Deutschland, 19 Jahre, manchmal habe ich auch Probleme mich selbst zu definieren.

 

Ariel: Ich bin in der Zeit auch Papa geworden. Dadurch kamen auch noch mehr Fragen nach der Identität auf. Was machen wir hier? Soydivision ist vielleicht auch unsere Spielplattform für Identitätsfragen.

 

Jan: Man muss auch bedenken, 2019 wurden dann auch die Rechtspopulisten zunehmend stärker. Wir wollten da auch ein Zeichen setzen, dass die Grenzen fließend sind. Wir kommen aus Indonesien, denken und fühlen in vielem aber auch deutsch. Das ist ja nicht alles so monolithisch. Das ist immer wieder anders. Das behandeln wir auch in unseren Texten bei Veranstaltungen. Vieles kam zusammen und es hat einfach gepasst. Das sind Sachen, die wir machen wollen, Themen, die uns interessieren und auch Themen, bei denen wir das Gefühl haben, wir müssen was sagen.

 

Ariel: Durch unsere Events haben wir neue Leute kennengelernt und dadurch ist Soydivision auch »eskaliert«? Zum Beispiel sind die Musiker Ghalis, Bilawa Respati und Morgan Sully dazugekommen. Das ist eine große Bereicherung, so sind wir jetzt eine kleine künstlerische Diasporagruppe hier in Berlin geworden.

 

  Jan Knut Thedja bei einer Soy&Synth-Veranstaltung;  Bildquelle: Olivia Kwok

 

Jetzt haben wir diese Corona-Situation. Veranstaltungen sind nicht mehr möglich. Was für eine Auswirkung hatte das auf Euch privat und auch auf eure künstlerische Arbeit?

 

Ariel: Das ist sehr lustig. Wir haben letztes Jahr so viele Gigs gemacht, auch im Ausland, aber hatten wirklich kein Geld.

 

Aber irgendwie habt Ihr es geschafft Euch über Wasser zu halten?

 

Jan: Ja, irgendwie haben wir das geschafft.

 

Ariel: Aber meine Ersparnisse waren langsam auch  aufgebraucht und wir  haben uns dann  im Januar 2020  zusammengesetzt, um etwas  zu ändern. Wir können nicht nur supertolle neue Projekte machen, sondern auch Dinge, mit denen wir Geld verdienen können. So  hatten wir zum Beispiel die Idee, Tempe und Rendang auf dem Wochenmarkt zu verkaufen.

 

Jan: Wobei man dazusagen muss, dass im Januar auch schon feststand, dass wir etwas für CTM (Festival for Adventurous Music and Art)  arrangieren. Und um es kurz und knapp zu machen, das hat uns sehr viel Geld gekostet. Im Februar sind wir dann in die Räumlichkeiten vom Sari-Sari Kollektiv um den philippinischen Tänzer Pepe Dayaw im Schillerkiez eingezogen und haben  2 Wochen lang eine Ausstellung mit Veranstaltungen durchgeführt. Dadurch haben wir einiges von dem Geld wieder reinbekommen. Dann kam die Pandemie und wir mussten uns aufs Catering konzentrieren und unser künstlerischer Output passiert jetzt nur noch online.

 

Ariel: Jetzt können wir keine teuren Veranstaltungen mehr machen und das mit dem Takeaway Food läuft richtig gut. Wir haben jede Woche ein anderes Menu mit Bezug auf eine Region in Indonesien. Wir haben mit 10 Portionen angefangen und sind jetzt, nach 6 Wochen, bei 60 Portionen plus a la carte Bestellungen von Tempe, Rendang und Sambal. Jetzt brauchen wir schon mehr Leute, die uns bei der Vorbereitung helfen. Das gibt natürlich auch neue Impulse.

 

Jan: Die Leute können das Essen an 5 verschiedenen Orten in Berlin abholen, es sich abends warmmachen und dazu unseren Livestream hören. Wir wollen das Takeaway gar nicht unbedingt noch mehr ausweiten. Denn, das ist schon sehr aufwendig und es soll ja noch Spaß machen. Und wir wollen auch noch genug Zeit für andere Dinge haben, wie zum Beispiel das »soy and zine« unser Online Magazin.

 

Ariel: Aber ohne Geld läuft auch nichts, also wir müssen die richtige Balance finden. Abgesehen vom Takeaway kann man unsere Arbeit übrigens auch über die Künstler-Supportplattform Patreon unterstützen und regelmäßig von uns versorgt werden.

 

 »Empathy supper« mit Ariel William Orah; Bildquelle: Olivia Kwok

 

Und wie kommt ihr so persönlich und emotional mit der Pandemie zurecht?

 

Ariel: Hier ist eigentlich alles ok. Aber ich mache mir Sorgen um meine Familie in Indonesien. Meine Eltern gehören ja auch zur Risikogruppe. Das macht schon ein bisschen Angst. Ich war auch gerade noch dort gewesen für eine Tour und bin erst am 16. März zurückgekommen. Ich war mit meinem kleinen Sohn dort und er brauchte auch seine Mama hier in Deutschland wieder. Es macht mir schon Sorge, weil die Reaktion in Indonesien sehr langsam ist. Zum Glück ist bei mir noch niemand aus meinem direkten Umfeld gestorben. Vor allem wegen der armen Leute in Indonesien mache ich mir Sorgen. Sie können sich kaum schützen und müssen jeden Tag raus, um zu überleben.

 

Jan: Ja klar. Das ist natürlich immer ein schwieriges Thema, Familie und Freunde in Indonesien, wenn man so weit weg wohnt. Ein paar Tage lang hatte ich mir auch große Sorgen gemacht. Aber dann hat es sich zum Besseren gewendet. Am Anfang hatte ich auch immer nach dem Aufwachen die verschiedensten Nachrichtenquellen gelesen. Mittlerweile schaffe ich das nicht mehr, auch psychisch nicht. Es ist schon schrecklich, wie das in anderen Ländern abläuft. Wir haben echt Glück hier in Deutschland. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie sich das noch entwickeln wird, insbesondere in den ärmeren Ländern. Ich versuche aber schon immer am Ball zu bleiben, weil ich als Mediziner ja vielleicht doch ein bisschen mehr von den Zusammenhängen der Pandemie verstehe. So kann ich auch Leute informieren und das ist vielleicht auch ein nicht ganz unwichtiger Beitrag.

 

Wie ist Euer Blick in die Zukunft, wie stellt ihr euch die Entwicklung eurer künstlerischen Arbeit vor?

 

Ariel: Festivals werden dieses Jahr wohl keine mehr stattfinden. Wahrscheinlich werden dann eher kleinere Veranstaltungen in privaterem Rahmen wieder  möglich sein. Darauf freue ich mich schon sehr. Aber das Takeaway werden wir wahrscheinlich auch beibehalten. Wir haben auch einen Plan, mehr im Sari-Sari zu machen, mit der Community dort ein oder zwei neue Projekte entwickeln. Und mein anderer großer Wunsch ist, dass die Kita von meinem Sohn wieder aufmacht.

 

Jan: Wer weiß, was die Zukunft bringt. Wir müssen flexibel bleiben, denke ich. Was wir jetzt aufgebaut haben, sollte die Grundlage sein, es kann sich aber auch wieder ändern. Wir haben jetzt mehr Leute erreicht auch durch unser Online Magazin »soy and zine«, in dem die Leute zu einem monatlichen Thema ihre Werke aus den verschiedensten Kunstrichtungen bei uns veröffentlichen können.

 

Ariel: Wir wollen auch transparent machen, wie viel Müll wir durch unser Kochen produzieren und suchen neue Kooperationen mit Leuten, die unseren Müll vielleicht verwenden können oder wie wir weniger Müll produzieren, um dem Ideal eine Kreislaufwirtschaft näher zu kommen.

 

Vielen Dank für das inspirierende Gespräch. Ich freue mich darauf, ganz bald mehr von Euch zu hören und zu kosten.

 

 

 
 

 

Kategorie: Community