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Mouly Surya – Indonesischer Western 

»Der Großteil von Indonesien ist grün, aber Sumba ist sehr trocken, ein bisschen wie Texas«

 

Bedrohlich und meditativ, dramatisch und komisch – inspiriert von der faszinierenden Kultur der Insel Sumba und ihrer Bewohner kreierte die Regisseurin Mouly Surya mit ihrem neuen Werk »Marlina: Die Mörderin in vier Akten« einen ganz eigenen Genremix, und einen für Indonesien neuen filmischen »Geschmackstypus« dazu.

Ein Interview von Vanessa Jerrom

 

Filmstill aus aus »Marlina – Die Mörderin in vier Akten«; Quelle: [eksystent distribution] Filmverleih

 

Im Gespräch mit Vanessa Jerrom erzählt die Filmemacherin mehr über den Entstehungsprozess, die Akteure und den Drehort.

 

Wie ist die Figur der Marlina entstanden?

 

Ich war 2014 zusammen mit Garin Nugroho, dem vielleicht wichtigsten Filmemacher Indonesiens, in der Jury der Citra Awards, den indonesischen Oscars. Er meinte, wir sollten zusammen einen Film machen. Er hatte bereits eine Geschichte im Kopf, die er gerne unter Regie einer Frau verfilmen wollte. Diese war in einer Zeit entstanden, als er auf der Insel Sumba verweilte. Er erzählte sie mir in Grundzügen und meinte: »Ich habe keine Vorstellung davon, wie du diese Geschichte visuell umsetzen wirst und gerade das finde ich interessant.« Das hat mich neugierig gemacht, also schickte er mir ein fünfseitiges Treatment mit dem Titel »Die Frau«. Garin gab mir komplette Freiheit darin, die Geschichte zu entwickeln und erklärte mir, wie beeindruckt er von der Präsenz der Frauen auf Sumba war. Ich verstand damals noch nicht, was er damit meinte, also machten wir uns auf den Weg dorthin. Ich denke, Marlina und ihre mysteriöse, sensible und starke Ausstrahlung setzt sich aus dem Bild der Frauen dort zusammen.

 

Wie war der Castingprozess, vor allem für die Rolle der Marlina?

 

Mein Produzent und Koautor Rama Adi nannte Marsha Timothys Namen schon bevor das Drehbuch überhaupt fertig war und mir gefiel die Idee. Sie ist schon lange in der Branche und ich arbeitete zu meiner Zeit als Regieassistentin bereits mit ihr zusammen. Als wir uns dann trafen hatte sie gerade eine Tochter bekommen und war eine ganz andere Marsha als die, die ich zehn Jahre zuvor traf. Sie ist schon immer eine sehr intelligente Schauspielerin gewesen, die die Aura einer »tragischen Figur« umweht, die perfekt zu Marlina passt. Außerdem hatte sie in der Zwischenzeit eine gewisse Reife entwickelt. Aber am wichtigsten war, dass sie Marlina unbedingt spielen wollte und gleich begriff, dass unser Treffen auch gleich ihr Vorsprechen war. Ich bat sie nicht darum, Dialoge zu lesen, sondern mir zu zeigen, wie sehr sie die Rolle wollte. Die Rolle des Markus mit der Schauspiellegende Egi Fedly zu besetzen, mit dem ich bereits bei meinem ersten Film zusammengearbeitet habe, stand von Anfang an fest. Yoga Pratama als Franz war eine Empfehlung unseres Casting Directors. Das einzige traditionelle Casting gab es mit Dea Panendra. Sie konnte bisher nur kleinere Rollen in Filmen vorweisen, ist jedoch in Indonesien bekannt und hatte bereits einige Musicalauftritte. Ich mochte sie von Anfang an und führte sie durch die Proben. Am Set übertraf sie dann alle Erwartungen.

 

 

Erzähle mehr über die Insel Sumba. Der Drehort ist unglaublich. Wo wurde gedreht?

 

Sumba ist zwischen den mehreren tausend Inseln Indonesiens eine Besonderheit. Die Insel hat eine außergewöhnliche Landschaft. Der Großteil von Indonesien ist grün, aber Sumba ist sehr trocken, ein bisschen wie Texas. Es gehört zu den ärmsten Provinzen des Landes und ist die Art von Ort, bei dem unsere moderne Gesellschaft nicht glauben kann, dass dort noch immer die Dinge geschehen, wie sie geschehen. Die Menschen tragen Schwerter und Waffen mit sich. Auf dem Land kann eine Gruppe Räuber mitten in der Nacht an deine Tür klopfen und ankündigen, dass sie dich ausrauben werden und es gibt nichts, was du dagegen tun kannst. Du lässt es einfach zu oder sie töten dich. Gleichzeitig ist es ein Ort voll Schönheit, an dem man die Jahrhunderte an Kultur und Glauben im Boden und in den Herzen der Menschen spüren kann.

 

Religion nimmt in Indonesien eine zentrale Rolle ein, der Film handelt jedoch mehr von Spiritualität und Aberglauben. Ist das typisch für die Insel Sumba?

 

Ich habe Indonesien immer mehr als ein spirituelles als ein religiöses Land gesehen. Das bezieht sich auch auf unseren Zugang zu Religion. Sie hat schon immer zu unserer Kultur gehört, auch in den größeren Städten. Aber an isolierten Orten wie auf Sumba gibt es Spiritualität in viel reinerer Form. Es ist eine Megalithkultur, mit einem starken Glauben an die Vorfahren. Ein Ort an dem sich traditioneller Glauben über jegliche Logik hinwegsetzt und die Lebenden mit den Toten leben. Beerdigungen kosten so viel, dass die Körper der verstorbenen Verwandten über Jahre oder sogar Jahrzehnte im Haus behalten werden, während man Geld für ein ordentliches Begräbnis spart. Der Großteil der Bevölkerung praktiziert die animistische Merapu-Religion. Ich traf an einem der Drehorte auf einen König, der aus den Innereien von Tieren die Zukunft lesen ließ. Aber egal nach was man fragt, die Antwort lautet immer: »Das haben die Vorfahren getan oder gesagt.« Und dann fragt man nicht mehr weiter.

 

Marlina ist eine feministische Heldin, die um ihr Überleben, ihre Unabhängigkeit und ihre Integrität kämpft. Wurde sie von den Frauen auf Sumba inspiriert?

 

Ich habe einige von ihnen getroffen. Novi, die Assistentin eines katholischen Priesters, war sehr einfühlsam. Eine andere, die sehr gebildet war, kam mit ihrem Mann und ihren Kindern. Der Mann jedoch unterbrach sie ständig und wollte derjenige sein, der uns seine Sicht der Dinge vermittelt, während er ihr Baby im Arm hielt. Wir fuhren auch in ein sehr traditionelles Dorf und die Männer dort starrten mich wollüstig an, sodass ich mich sehr unwohl fühlte. Wir trafen auch die Königin des Dorfes, eine respektierte Witwe. Sie sprach oder lächelte nicht viel, aber es umgab sie eine königliche Aura. Dann gab es einen Skandal um eine örtliche Lehrerin namens Marlina, die ein Video von sich aufgenommen hatte, wie sie zu Diskomusik in ihrem Büro tanzte. Es wurde auf YouTube geladen und sie musste sich vor Reportern rechtfertigen, die sie dafür verurteilten.

 

Welche Stellung haben Frauen heutzutage in der indonesischen Gesellschaft?

 

Die indonesische Kultur ist vielfältig. Es gibt auch das Modell, das die Frau den Unterhalt der Familie sichert. In den großen Städten sind viele Frauen schon sehr unabhängig, aber es hängt immer auch von der einzelnen Person ab, abgesehen von Kultur oder Religion. Es gibt momentan viele starke Frauen in Indonesien – in der Regierung, in der Politik, in der Geschichte. Und auch viele arbeitende Frauen. Die Wirtschaft wächst noch und Familien benötigen ein doppeltes Einkommen, um zu überleben. Aber an Orten wie Sumba ist der Platz einer Frau in der Küche. Von dort betritt oder verlässt sie auch das Haus.

 

Der Film beinhaltet mehr Western- als Thrillerelemente. War das von Anfang an geplant?

 

Ich habe mit der Idee eines Westerns geliebäugelt, seitdem ich das erste Mal Bilder von Sumba gesehen habe. Ich selbst bin kein großer Fan des Westerngenres. Meine einzige Referenz war Jim Jarmuschs »Dead Man«, den ich in meiner Filmklasse am College gesehen hatte. Ich erinnerte mich an einen schwarzweißen Western mit einer indigenen Figur namens »Nobody«. Ich habe zur Vorbereitung auf »Marlina« nicht wirklich Western geschaut, vielmehr hatte ich eine Vorstellung von bestimmten Elementen, die ich im Film einsetzen wollte, um meine eigene Idee von einem Western zu machen. Als jemand, der in einer Metropole wie Jakarta geboren und aufgewachsen ist, war das meine Art, mich in die Gesellschaft Sumbas einzufinden. Außerdem wollte ich Garin Nugrohos Geschichte zu meiner Eigenen machen.

 

Wie hast Du mit dem Kameramann in Hinsicht auf die Farben, das Licht und die Einstellungen gearbeitet?

Ich habe mit Yunus Pasolang, meinem Kameramann, bereits bei meinen vorherigen drei Filmen gearbeitet, daher kennen wir uns sehr gut. Ich sagte ihm gleich zu Beginn, dass es beinahe keine Kamerabewegungen geben würde. Später am Set beschlossen wir dann, überhaupt keine Bewegungen zu drehen, da die geplanten Schwenks unnötig erschienen. Für Ideen zur Lichtsetzung schauten wir uns Gemälde von Caravaggio an, »Judith und Holofernes«, und Gemälde aus dem Barock, für Farbreferenzen.

 

Waren die Dreharbeiten schwierig?

 

»Marlina« waren die herausforderndsten Dreharbeiten, die ich bis dato erlebt habe und auch der erste Dreh außerhalb meiner Heimatstadt Jakarta. Es war auch das erste Mal, dass ich mit visuellen Effekten gearbeitet habe und ganz grundsätzlich war es ein viel größeres Projekt mit größeren Erwartungen. Mit An- und Abreise nach Sumba stand uns ein Monat Zeit zur Verfügung, davon 17 Drehtage. Allerdings hatten wir drei Monate Probe- und Vorbereitungszeit.

 

 


 Einige Stand- bzw. Szenenfotos zu dem Spielfim »»Marlina – Die Mörderin in vier Akten«:

 

 

Poster vom Fim »Marlina – Die Mörderin in vier Akten«
Quelle: [eksystent distribution] Filmverleih
Filmstill aus »Marlina – Die Mörderin in vier Akten«
Quelle: [eksystent distribution] Filmverleih
Filmstill aus »Marlina – Die Mörderin in vier Akten«
Quelle: [eksystent distribution] Filmverleih
Filmstill aus »Marlina – Die Mörderin in vier Akten«
Quelle: [eksystent distribution] Filmverleih
Filmstill aus »Marlina – Die Mörderin in vier Akten«
Quelle: [eksystent distribution] Filmverleih
Filmstill aus »Marlina – Die Mörderin in vier Akten«
Quelle: [eksystent distribution] Filmverleih
Filmstill aus »Marlina – Die Mörderin in vier Akten«
Quelle: [eksystent distribution] Filmverleih
Filmstill aus »Marlina – Die Mörderin in vier Akten«
Quelle: [eksystent distribution] Filmverleih
Filmstill aus »Marlina – Die Mörderin in vier Akten«
Quelle: [eksystent distribution] Filmverleih
Filmstill aus »Marlina – Die Mörderin in vier Akten«
Quelle: [eksystent distribution] Filmverleih
Filmstill aus »Marlina – Die Mörderin in vier Akten«
Quelle: [eksystent distribution] Filmverleih

 

 

 

MOULY SURYA | Über die Regisseurin

Die 1980 in Jakarta geborene Mouly Surya gilt als eine der vielversprechendsten Filmemacherinnen Indonesiens. Nach ihrem Abschluss in Medien und Literatur ging sie nach Australien, um dort Film zu studieren. Ihr erster Langfilm Fiction hatte 2008 Premiere auf dem Internationalen Filmfestival von Busan und gewann international zahlreiche Preise, darunter für die Beste Regie beim Jakarta International Film Festival. Ihr zweiter Langfilm What they don´t talk about when they talk about Love (2013) wurde unter anderem im Wettbewerb vom Sundance Festival gezeigt und gewann den Netpac Award in Rotterdam. Marlina: Die Mörderin in vier Akten ist ihr dritter Film und feierte seine Weltpremiere bei den Filmfestspielen von Cannes 2017.

 

 

 

 

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