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Schattentheater in Wiesloch

Eine besondere Wayang Kulit-Sammlung sucht einen Nachfolger

 

Peter Schneider beim Spiel mit Cangik und ihrer dicken Tochter Linbuk, die so gerne heiraten möchte; Quelle: Peter Schneider

  

(InMaOn / JH) Wer mit den kulturellen Besonderheiten Indonesiens in Berührung kommt wird früher oder später an der »Welt der Schatten« nicht vorbeikommen, dem Zauber des Wayang nicht entgehen können. Wayang bedeutet im Indonesischen so viel wie Geist, Schatten – aber auch Ahne. Zudem wird es häufig als Theater oder Spiel benutzt. Seinen Ursprung hat es auf der Insel Java, dort wo diese »Kulthandlung« seit vielen Generationen Ausdruck moralischer Werte ist. Wayang steht ferner für Lebensweisheit, Humor und Freude.

 

Die Ausprägungen des Wayang sind vielfältig und verkörpern in dem klassischen Wayang Kulit, dem Schattenspiel mit Lederpuppen – vor allem auf Java und Bali gepflegt – seine wohl ursprünglichste und bekannteste Form des »Geschichtenerzählens«. Die farbig bemalten Flachpuppen symbolisieren die materielle (menschliche) Welt, sie werden als Medium angesehen für ihre Schatten, die auf dem Bildschirm das Übernatürliche, das Göttliche, und damit die eigentliche Wirklichkeit sichtbar machen. Wenngleich der Kern der Geschichten und die Figuren aus den alten indischen Epen Mahabharata und Ramayana stammen, kreiert der Dalang, der Puppenspieler, die Erzählung bei jeder Vorführung neu. So werden, vermischt mit den alten Sagen, auch Geschehnisse des alltäglichen Lebens mit in die Schattenspielhandlung eingebaut und kommentiert.

 

Seit Jahrhunderten existiert das Schattentheater Wayang Kulit als Kunst- und Theaterform. Die Tradition des Wayang Puppentheaters ist damit ein wichtiger Bestandteil der kulturellen Identität Indonesiens und erfreut sich heute noch großer Beliebtheit. Neben der Insel Java und Bali haben sich in der Vergangenheit verschiedene lokale Stilrichtungen auf anderen Inseln entwickelt, wie z.B. auf Lombok, Madura und Sumatra. Seit 2003 ist Wayang Kulit sogar Bestandteil der UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit.

 

Auch hierzulande ist diese Schauspielform angekommen. Es gibt Einzelinszenierungen, Schattenspiel-Aufführungen, die ganz traditionell durch die Klänge des Gamelan- Orchesters begleitet werden. Das schafft vergnügliche Erlebnisse, für jeden Puppenfreund, generationsübergreifend. Über Mitmachkurse in Museen, Bildungsangebote in Schulen oder von Künstlern privat arrangierten Kreativ-Workshops, gibt es weitere Möglichkeiten mehr über das Schattenspiel zu erfahren und selbst aktiv zu werden. Aber auch in Form von permanenten Schauen, z. B. im Offenbacher Ledermuseum, oder bei Sonderausstellungen – wie 2015 /16 im Lindenmuseum Stuttgart, »Die Welt des Schattentheaters: Von Asien bis Europa« –, wird die Tradition des indonesischen Schattentheaters bei uns lebendig. Mittlereile erfreuen sich die aus gestanztem Büffelleder gefertigten, prächtig bemalten Flachfiguren in Deutschland sogar unter Sammlern großer Beliebtheit und gelten als ein authentisches Mitbringsel aus Indonesien.

 

Peter Schneider und seine Leidenschaft für das Wayang Kulit

 

Abseits von Museen, Veranstaltungen auf großen Bühnen und der breiten Öffentlichkeit, ist vor über 30 Jahren in Wiesloch, einer Kreisstadt im Rhein-Neckar-Kreis des nördlichen Baden-Württemberg, eine ganz eigene Welt des Schattentheaters entstanden. Peter Schneider, der Gründer des Wieslocher Marionettentheaters und passionierte Puppenspieler, beschäftigt sich seit 1983 mit dem Schattenspiel Wayang Kulit.

 

Er hat eine ganz besondere Theaterform entwickelt, die in Deutschland einmalig sein dürfte: Theater mit original javanischen Wayang-Figuren, allerdings in deutscher Sprache. Mittlerweile sind über 300 Figuren im Spielsatz von Peter Schneider, alle gefertigt aus der Hand von Meister Sihhanto, einem Künstler der Herstellungskunst aus Solo. Gespielt werden in Anlehnung an das indische Epos Mahabarata (Wayang Purwa) eigens konzipierte Stücke, seit 2011 nicht mehr vom Gamelanspiel begleitet, sondern durch Gitarrenimprovisationen. Bisher hat es 30 Stücke, in über 100 Aufführungen gegeben – auf der Bühne in Wiesloch aber auch in vielen anderen Städten.

 

Peter Schneider hat mit seinem jahrzehntelangem Engagement und großer Leidenschaft nicht nur eine spezielle Theaterform etabliert, sondern auch bei der Verbreitung des Wayang Kulit und dem kulturellen Austausch zwischen Indonesien und Deutschland regen Anteil. Doch der »Vater« und Initiator des Wieslocher Schattentheaters wird voraussichtlich 2018 seine letzte Vorstellung geben. In jedem Fall arbeitet er bereits jetzt an seiner Nachfolge. Aufgrund seines fortgeschrittenen Alters wendet sich Peter Schneider daher an Freunde und Interessierte des Schattentheaters, an Institutionen und Einzelakteure, die seine Wayang Kulit-Errungenschaften und die begleitenden Spielgeräte kostenlos übernehmen.

 

Gesucht wird entweder ein Nachfolger, der das Schattenspiel im Marionetten-Theater Wiesloch weiterführt oder es findet sich eine neue Heimat an anderer Stelle. Dem leidenschaftlichen Puppenspieler, Stückeschreiber und Marionettenschnitzer ist vor allem wichtig, dass die Figuren bei der Übernahme vor dem Nicht-mehr-auftreten bewahrt werden und nicht in der Versenkung eines Archivs verschwinden, sondern auch zukünftig »am (Theater-)Leben«, in Workshops oder in anderem öffentlichen Rahmen teilnehmen und einen bleibend-präsenten Platz finden. Es wäre sicher ein Verlust, wenn sich für dieses besondere Kulturgut Indonesiens kein neuer Begleiter und Bewahrer findet.

 

Was steht zur Verfügung?

  

  1. Über 300 Figuren, fast immer Kunstwerke, angefertigt von Pak Sihhanto, ein Meister der Herstellungskunst aus Solo (Zentraljava) 
  2. Bühne, 5 m mit Gestell und Dekoration
  3. Eine kleine Transport- oder Spielkiste
  4. Eine große Aufbewahrungskiste
  5. Über 30 Stücke, meist aus dem Mahabharata angeregt und in deutscher Sprache mit Urheberrechten; vollständiger Text mit Anleitung und Musikbeispielen (Sologitarren-Improvisationen Michael Zimmermann)
  6. Zubehör wie mehrfarbige Beleuchtung (LED) und weiteres Zubehör

 

Laut Schneider hat die Sammlung einen Schätzwert von weit über 30.000 Euro.

 

Was gibt es noch zu erwähnen?

 

Sollte jemand direkt in Wiesloch aktiv werden wollen, dann bietet Peter Schneider einen kleinen, festen Raum im Marionettentheater (max. 14 Zuschauer), wo die Bühne fest installiert ist. Es gibt eine LED-Beleuchtung, d.h. farbig steuerbar, für alle Szenen. Die kleine Spielkiste mit den jeweiligen Protagonisten steht im Theater, die Hauptkiste befindet sich derzeit bei Peter Schneider daheim.

 

Laut Schneider bietet sich noch eine andere Option: Ein Interessent kommt nach Wiesloch und bedient sich aus dem reichhaltigen Schattenspiel-Equipment Die Bühne und alle Figuren stehen zur Auswahl bereit. Der Akteur kann dort jederzeit üben und bei Bedarf auch alles zu einem anderen Ort mitnehmen. Die Bühne ist transportabel. Die Theaterinfrastruktur in Wiesloch steht ihm jederzeit zur Verfügung, jedoch stets in Absprache mit der Leitung. Auch andere Möglichkeiten der Nutzung sind laut Schneider denkbar.

 

Wer sich für diese Thematik begeistert und mehr über das Wayang-Ensemble wissen möchte oder Ideen und Hinweise für einen Fortbestand der Wayang Kulit-Sammlung geben kann, melde sich bitte direkt bei Peter Schneider, unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! 

 

 

Im Folgenden einige bildhafte Eindrücke zum Schattentheater des Peter Schneider:

 

 

Peter Schneider beim Spiel mit Cangik und ihrer dicken Tochter Linbuk, die so gerne heiraten möchte.
Quelle: Peter Schneider
Meister Sihhanto mit einem besonders prächtigen Semar Semar, der »Narr» voll großer Weisheit. Pak Sihhanto ist ein Meister der Herstellungskunst von Wayang-Kulit Figuren aus Solo, Bale Aggung (Zentraljava). Er erlernte während einer siebenjährigen Lehrzeit nicht nur das Malen, Ausstanzen (eigentliche müsste man Auspunzen sagen), sondern auch das Holzschnitzen und Vergolden. Meister Sihhanto ist der Schöpfer der Wayang-Kulit Sammlung von Peter Schneider.
Quelle: Peter Schneider
Ausschnitt aus einem Gunungan, vergoldet, Spezialanfertigung für Peter Schneider; 3 Monate ganztägige Arbeit, beidseitig gleich bemalt und von Pak Sihhanto signiert.
Quelle: Peter Schneider
Meister Sihhanto mit dem einem Gunungan, das er nach alten Mustern für Peter Schneider herstellte; ein Gunungan (Lebensbaum) ist der Stolz eines Dalang. Am Anfang einer Vorstellung steht der Gunungan senkrecht in der Mitte, wedelt dann über den Schirm und wird seitlich eingesteckt. Er steckt voller Bedeutung und Weisheit.
Quelle: Peter Schneider
Der junge Bima; eine sehr große Figur, ausgezeichnet ausgestanzt.
Quelle: Peter Schneider
Die junge Fee Gangga; Hier sollte man auf die superfeinen Locken der jungen Frau achten. Bei allen Figuren aus Solo haben die Frauen stolze und grazile Haltungen, einfach liebenswert.
Quelle: Peter Schneider
Die Krone von Kreshna; eine besonders feine Figur, vergoldet (Blattgold). Man achte auch hier auf Details, die absolute Spitze darstellen. Das sind keine Touristenfiguren, sondern für anspruchsvolle Spieler gemacht, denn nach javanischer Auffassung ist die kostbare und kunstvolle Ausführung einer Figur anregend zu höchsten Leistungen.
Quelle: Peter Schneider
Bayu, der Gott des Windes,; mit runder Nase, Gesicht schwarz, geneigt hohe Krone, Schuhe, göttlicher Mantel statt Katongan.
Quelle: Peter Schneider
Antarejo = Antasena; Kopf gerade, Haare halbkreisf. nach oben gebogen, Katongan mit nur einer Kunca zw. den Beinen, kein Garuda, runde Augen, Blick keck nach vorne, Sohn von Bhima und Nagagini, manchmal mit Schuppen.
Quelle: Peter Schneider
Drupadi; stolz und grazil, die Gattin der 5 Pandawa-Brüder.
Quelle: Peter Schneider
Sri Sadana; Haare auf Schulter, lockig über Diadem, mittelgroßer Garuda, Selendan doppelt hintere Schulter, Katongan.
Quelle: Peter Schneider
Bühne, 5 m, mit Gestell und Deko
Quelle: Peter Schneider
Die Bühne ist transportabel, kann bei Bedarf von einer Person ab- und aufgebaut werden. An Stelle von einem Bananenstamm stecken die Figuren in Styrodur-Leisten.
Quelle: Peter Schneider
Peter Schneider (Puppenspieler), Michael Zimmermann (Gitarre bei der Einleitung), Christina Reckers-Schneider (Spielleitung und Regie).
Quelle: Peter Schneider
Eine kleine Tansport- oder Spielkiste für die Aufführung.
Quelle: Peter Schneider
Eine große Aufbewahrungskiste 1,60 m x 86 cm x 65 cm; sieben Einschübe (Aluminium) fassen die Figuren. Sie können nach vorne heraus gezogen werden. Geordnet nach: 1. Besondere 2. Panakawan und ähnliche 3. Götter 4. Kauwara.
Quelle: Peter Schneider
Peter Schneider mit seinen Wayang-Kulit Figuren hinter der Bühne.
Quelle: Peter Schneider

 

 

 

Peter Schneider | promovierter Zoologe und emeritierter Professor der Universität Heidelberg mit den Forschungsschwerpunkten Verhaltens- und Bewegungsphysiologie.

 

Gründer des Marionettentheaters, Marionettenschnitzer (über 250 Marionetten), Stückeschreiber und langjähriger Leiter des Marionetten-Theaters »Wieslocher Puppenstube«.

 

Auf Forschungsreisen in Indonesien lernte er das javanische Schattenspiel Wayang Kulit kennen und praktiziert diese Theaterform mit eigenen Texten; eine Besonderheit in Deutschland(www.marionetten-wiesloch.de).

 

In über drei Jahrzehnten hat Peter Schneider neben dem Aufbau einer umfangreichen Sammlung an Wayang Kulit-Figuren mehrere Bücher und Theaterstücke zum Schattenspiel Wayang Kulit geschrieben. Dafür hat er 1997 den Kulturpreis »Minnesänger von Wissenlo« des Kunstkreises südliche Bergstraße erhalten.

 

Seine jüngste Veröffentlichung: Ein Bestimmungsschlüssel für javanische Schattenspielfiguren, mit besonderer Berücksichtigung Mitteljavas (Solo). Entstanden ist ein System der Klassifizierung von über 600 Wayang Kulit-Figuren. Erstmalig hat der Autor versucht unbekannte Figuren zu bestimmen. Auf 172 Seiten – mit über 350 Farb- und etwa 30 Schwarzweißabbildungen – ist ein grundlegendes Werk entstanden, das sich an Museen, Sammler und Schattenspielinteressenten richtet, die ihre Figuren bestimmen möchten. Das Buch erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, da die Variabilität einfach zu groß ist.

  

 

 

 

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