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Ein »erzählendes Sachbuch«

»Der Humboldt von Java«

 

F.W. Junghuhn stammt aus einer längst vergangenen Zeit der Abenteurer und Forschungsreisenden. Die Historikerin Renate Sternagel widmete sich intensiv diesem bedeutenden Naturforscher des 19. Jahrhunderts. Lesen Sie ein Kapitel aus ihrem Buch Der Humboldt von Java – Leben und Werk des Naturforschers Franz Wilhelm Junghuhn.

von Renate Sternagel, vorgestellt von InMaOn / JH

 

Südküste Javas bei Rongkop (Lithographie nach Zeichnung Junghuhns): Quelle: Junghuhn, Java-Album

 

 

Das Werk von Renate Sternagel gewährt uns einen tiefgehenden Einblick in die Welt des gebürtigen Sachsen Franz Wilhelm Junghuhn, dieses rastlosen und leidenschaftlichen Erkunders, Forschers und Sammlers. Ein Einzelgänger, den die Natur – insbesondere die der Insel Java – in ihren Bann zog und stets mehr berührte als die Menschen die darin lebten.

 

Das Buch ist in der Form des »erzählenden Sachbuchs« geschrieben; Passagen kritischer Darstellung nach den Quellen wechseln ab mit erzählenden, romanhaften Kapiteln. Ab und zu hat die Autorin Schilderungen Junghuhns aus heutiger Sicht kommentiert, als jemand, der Land und Leute, und einzelne von Junghuhns Reisestationen kennt. Die erzählenden Kapitel hat Renate Sternagel »Stimmen« genannt. In ihnen kommen Menschen zu Wort, die zu Junghuhn eine besondere Beziehung hatten, Freunde und Feinde, Gönner und Konkurrenten. Auch das in diesen Passagen Geschilderte ist nicht erfunden, sondern beruht auf den Quellen. So ist zum Beispiel das im Folgenden dokumentierte Kapitel »Das Abenteuer am Gunung Lawu« nachzulesen in Junghuhns Werk Topographische und naturwissenschaftliche Reisen durch Java (S. 290 – 314).

 

Ein »erzählendes Sachbuch«

»Der Humboldt von Java«

 

F.W. Junghuhn stammt aus einer längst vergangenen Zeit der Abenteurer und Forschungsreisenden. Die Historikerin Renate Sternagel widmete sich intensiv diesem bedeutenden Naturforscher des 19. Jahrhunderts. Lesen Sie ein Kapitel aus ihrem Buch Der Humboldt von Java – Leben und Werk des Naturforschers Franz Wilhelm Junghuhn.

von Renate Sternagel, vorgestellt von InMaOn / JH

 

Südküste Javas bei Rongkop (Lithographie nach Zeichnung Junghuhns): Quelle: Junghuhn, Java-Album

 

 

Das Werk von Renate Sternagel gewährt uns einen tiefgehenden Einblick in die Welt des gebürtigen Sachsen Franz Wilhelm Junghuhn, dieses rastlosen und leidenschaftlichen Erkunders, Forschers und Sammlers. Ein Einzelgänger, den die Natur – insbesondere die der Insel Java – in ihren Bann zog und stets mehr berührte als die Menschen die darin lebten.

 

Das Buch ist in der Form des »erzählenden Sachbuchs« geschrieben; Passagen kritischer Darstellung nach den Quellen wechseln ab mit erzählenden, romanhaften Kapiteln. Ab und zu hat die Autorin Schilderungen Junghuhns aus heutiger Sicht kommentiert, als jemand, der Land und Leute, und einzelne von Junghuhns Reisestationen kennt. Die erzählenden Kapitel hat Renate Sternagel »Stimmen« genannt. In ihnen kommen Menschen zu Wort, die zu Junghuhn eine besondere Beziehung hatten, Freunde und Feinde, Gönner und Konkurrenten. Auch das in diesen Passagen Geschilderte ist nicht erfunden, sondern beruht auf den Quellen. So ist zum Beispiel das im Folgenden dokumentierte Kapitel »Das Abenteuer am Gunung Lawu« nachzulesen in Junghuhns Werk Topographische und naturwissenschaftliche Reisen durch Java (S. 290 – 314).

 

Seite 1 | Das Abenteuer am Gunung Lawu

 

Drei Tage nach seiner Besteigung des Ungaran traf Junghuhn wieder mit Dr. Fritze zusammen.

 

Die nächste Herausforderung stand bevor, in Gestalt des 3265 m hohen, nicht mehr aktiven Berges Lawu, der sich östlich der Sultansstadt Solo erhebt. Auf dem Wege dorthin machten sie Station bei einem reichen Kaffeepflanzer, der am Abhang des Gunung Merbabu einen herrschaftlichen Landsitz namens Ampel sein eigen nannte. Das Herrenhaus war umgeben von einem weitläufigen Park, in dem zahme Hirsche weideten, aber dieses Idyll war wie das Innere einer Festung von der Außenwelt, von den Reisfeldern und den Dörfern der Bauern getrennt. Rings herum zogen sich ein Wall und eine hohe Mauer – Relikte aus den Jahren des Diponegoro-Aufstands, die nicht wieder abgerissen worden waren, denn man wusste ja nicht, ob man sie nicht wieder einmal brauchen würde. Als sie dort ankamen, fanden sie eine große Gesellschaft und alles »in dulci jubilo«. Herr Dezentjé, der Hausher, feierte seinen Namenstag. »Tigergefechte wurden gehalten, Champagner schäumte, Bajaderen tanzten, und unaufhörlich allen anderen Lärm übertäubend, erklangen die Schläge des Gamelans, in dessen Pausen man nur zuweilen eine lieblichere, harmonischere Musik Europas vernahm.«

 

Nur kurze Zeit ertrug Junghuhn dieses muntere Treiben. Nachdem er der Höflichkeit Genüge getan zu haben meinte, bat er Dr. Fritze um zwei freie Tage, setzte sich ab und verzog sich mit seiner Botanisiertrommel in die Einsamkeit.

 

Dem Gunung Lawu, ihrem nächsten Ziel, näherten sie sich ein paar Tage später von Nordwesten her auf einem äußerst mühsamen Weg. »Furchtbare Graswildnisse« hatten sie bei brütender Hitze zu durchqueren, die von Tigern und Wildschweinen bewohnt waren – glücklicherweise wurden sie von keinem Untier behelligt. – Dr. Fritze warf bereits nach einem Tag das Handtuch und begab sich nach Solo, während Junghuhn im Dörfchen Balong zurückblieb, von wo aus er am nächsten Tag, dem 10. Mai, den Aufstieg beginnen wollte.

 

Die Höhe des Lawu hatte er auf 6.000 Fuß (1.830 m) über der Ebene geschätzt – womit er sich um glatte 1.435 m vertat – und danach die Menge der Lebensmittel und des Wassers für sich und seine zehn javanischen Träger berechnet. Nur einer von ihnen, ein älterer bärtiger Mann namens Djojodono, den die übrigen »mit einer Art scheuer Auszeichnung behandelten«, schien genauere Ortskenntnis zu besitzen.

 

Auf diesem Ausschnitt aus dem 3. Blatt von Junghuhns Javakarte ist die Wanderroute Junghuhns – entsprechend dem hier vorgestellten Kapitel – von Balong via Candi Ceto (alte Schreibweise Tjandi Tjeto) bis zum Gipfel des Gunung Lawu und hinunter nach Gondosuli rot nachgezeichnet; Quelle: Junghuhns große Java-Karte - topografische Version, 1855, Urheber Franz Wilhelm Junghuhn (1809–1864); Creative Commons Public Domain Mark 1.0

 


Anmerkungen zum Kapitel

 

Dr. Fritze | Dr. Ernst Albert Fritze (1791-1839), deutscher Arzt und Geologe, Chef des medizinischen Dienstes auf Java, Vorgesetzter und Gönner Franz Junghuhns. Junghuhn begleitete Dr. Fritze auf zwei ausgedehnten Dienstreisen durch Java 1837 und 1838, die von den beiden zu zahlreichen Bergbesteigungen genutzt wurden.

Diponegoro-Aufstand | Prinz Diponegoro (1785 – 1855), Sohn des Sultans von Yogyakarta, Hamengkubuwono III., setzte sich an die Spitze eines Aufstandes der Javaner gegen die holländische Kolonialmacht. Der Krieg dauerte von 1825 bis 1830.

Bajaderen | spöttische Bezeichnung Junghuhns für javanische Tänzerinnen.

Balong  | das Dorf Balong liegt an den westlichen Ausläufern des Gunung Lawu (Zentral-Java), ca. 40 Kilometer östlich von Surakarta (Solo); siehe auch den obigen Kartenausschnitt (Lage).

 

 

Seite 2 / oben weiterlesen  

 

 

Seite 2 | Stimmen: Djojodono – Reisbauer aus Balong (1)

 

 

Nama saya Djojodono. Ich habe damals diesen Tuan Wolanda zum Gunung Lawu begleitet. Ich wollte es nicht, jedenfalls nicht bis auf den Gipfel. Nur bis zum Tjeto-Tempel. Und auch das nur, weil er so gedrängt hat. Und weil die anderen sagten: »Pak Dono, er hat uns Geld gezeigt, das er uns geben will, wenn wir ihm seine Sachen tragen. Wir wollen das Geld haben, aber wir kennen den Weg nicht. Du kennst ihn, du musst mit uns kommen!«

 

Er zeigte mir den Reis, den er für uns alle gekauft hatte, für unterwegs, aber es war wenig, gerade genug für zwei Tage. Deshalb war ich sicher, er würde nur bis zum Tjeto-Tempel gehen und dann umkehren. Also stimmte ich schließlich zu.

 

Er fragte: »Bapak, bist du schon einmal auf dem Gipfel gewesen?« Ich log und sagte nein. Wir Leute von Balong gehen nur an den Berghang, um Holz zu sammeln, aber nicht ganz hinauf. Und wenn einer es doch tut, dann redet er nicht darüber.

 

Unterwegs begann er mich zu fragen, wie manche Bäume hießen, an denen wir vorbeikamen und die Berge, die man in der Ferne sah. Ich kenne mich gut aus mit Pflanzen, und als er das merkte, ließ er mich alle Namen buchstabieren und schrieb sie in ein kleines Heft. So kamen wir sehr langsam voran. Aber nur, bis er die Tjemorobäume oben am Hang sah, da konnte es ihm auf einmal gar nicht schnell genug gehen, er nahm einem von den Jungen das Hackmesser ab und hieb wie ein Orang gila seinen Weg durch die Glagah. Schließlich kamen wir an die Stelle, wo sie standen. Ich weiß nicht, was er mit diesen Tjemorobäumen hatte, es war, als hätten sie ihn behext. Er besah sie von allen Seiten, strich mit der Hand über den Stamm, roch an den Nadeln. Er sagte mir, das sei das erste Mal, dass er diese Bäume auf Java gefunden hätte. Sie wachsen sonst nur da, von wo er herkommt, hinter dem Meer, und sie sind etwas ganz Besonderes. Ich sah, dass ihm sehr daran lag und sagte, wenn er noch welche sehen wolle, beim Tjeto-Tempel stünden viele.

 

Wir kamen am Nachmittag zu den Tempel-Terrassen. Er sah sich alles genau an und stellte viele Fragen, auch, ob die Leute noch hierher kämen und was sie hier täten. Weil es schon dunkel wurde, sagte ich, für heute sei es wohl zu spät, um wieder hinunter ins Tal zu gehen. Er solle uns sagen, wo wir das Nachtlager aufschlagen sollten. Er sah mich mit großen Augen an und lachte. »Wir gehen weiter«, sagte er. »Wenn ich auf einen Berg steige, dann kehre ich nicht um, bevor ich auf dem Gipfel gestanden habe!«

 

»Tuan besar!« begann ich, und er unterbrach mich. »Schweig still! Ich weiß, was jetzt kommt! Es ist zu weit, es war noch nie jemand dort oben, wir fürchten uns, die Götter werden uns bestrafen! Blablabla! Was denkst du, auf wie vielen javanischen Bergen ich schon war? Die Finger deiner Hände würden nicht reichen, um sie zu zählen! Und auf wie vielen wäre ich gewesen, wenn ich alles geglaubt hätte, was man mir erzählt? Auf keinem einzigen!«

 

Ich sah, er war kurz davor, sehr zornig zu werden. Ich wollte das nicht. Es war nicht gut, wenn die Jungen sahen, dass ein fremder Tuan, mit dem ich redete, sich aufführte wie ein Raksasa. Ich nahm also den Kasten mit den Glasröhren, die er mir zu tragen gegeben hatte, vorsichtig wieder auf und sagte zu den Jungen, wir gingen noch ein Stück weiter. Sie murrten leise, aber ich wusste, sie würden mir folgen.

 

Erst am Mittag des folgenden Tages erreichten wir den Gipfel. Der Weg war genau so lang und mühevoll, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Immer wenn man glaubt, man ist oben, sieht man, es war ein Irrtum, der Gipfel scheint sich zu entfernen, statt dass man ihm näher kommt. Ich hatte Mühe, die Jungen bei der Stange zu halten. Einer wollte nicht weitergehen und setzte das Gepäck ab, nahm es aber rasch wieder auf, als der Wolanda mit erhobenen Stock auf ihn zusprang. Er war sehr rot im Gesicht, seine Augen stachen, die Haare standen ihm wild um den Kopf herum, und auf seiner Stirn ringelte sich eine dicke Ader. Er war so kasar, ich schämte mich für ihn, ich konnte es kaum ertragen. Zum Glück schlug er nicht zu, und wir setzten unseren Weg fort.

 

Oben fand ich noch alles, wie es beim letzten Mal gewesen war. Der Wolanda war sehr erschöpft, aber als er das Heiligtum sah, glänzten seine Augen vor Begeisterung. Er sagte, da es zu spät sei, um heute noch abzusteigen, würden wir hier oben übernachten. Er hängte die Glasröhren, die ich getragen hatte, an einem Balken im Heiligtum auf. Sie dienen dazu, die Temperatur zu messen. Dann breitete er seine Decken aus und meinte, das wäre ein guter Schlafplatz. Als ich entsetzt einwandte, dass die Götter, die hier wohnten, das übel nehmen würden, lachte er nur. Es wäre doch seltsam, sagte er, wenn die Götter der Javanen weniger gastfrei wären als die Javanen selber. Er sei sicher, hier gut aufgehoben zu sein.

 

Es kam aber anders. Mitten in der Nacht tauchte er, die Decke über die Schultern gehängt, draußen bei uns auf. Wir hatten ein großes Feuer angefacht, um das wir uns im Kreis geschart hatten und dessen Reste noch glühten. Die Jungen schliefen, nur ich nicht. Er hockte sich neben mich und murmelte, in der Hütte sei es zu kalt. Das stimmte nicht, denn drinnen war man vor dem Wind geschützt, der draußen erbärmlich durch alle Knochen pfiff. Das Feuer half nicht viel dagegen. Ich bin sicher, er hatte eine Botschaft erhalten, dass er dort nichts zu suchen hatte, und er hatte sie verstanden.

 

Wir redeten eine Weile miteinander, ehe wir eindösten. Er fragte mich, wie es sich gehört, nach meiner Familie und ich ihn nach der seinen. Er sagte, dass er weder Frau noch Kinder habe. Ich antwortete: »Kasian, Tuan! Aber Sie sind noch so jung, Sie haben genug Zeit, eine Familie zu gründen, wenn Sie damit fertig sind, die javanischen Berge zu besteigen.« – »Ich glaube nicht, dass ich damit je fertig werde!« sagte er.

 

Ich wollte von ihm wissen, warum er unbedingt auf die Gipfel wolle. Die Gipfel gehören den Göttern. Sie wollen nicht gestört sein. Jeder Javane weiß, dass die Götter zur Strafe Feuer und Verwüstung von den Bergen über das Land schicken. Man darf nur mit Opfergaben und Gebeten dort oben erscheinen. Ich hatte keine Opfergaben, weil ich nicht geahnt hatte, dass wir hinaufgehen würden. Aber ich hatte mit den Jungen heimlich gebetet, während der Wolanda im Heiligtum gesessen und in sein Heft geschrieben hatte.

 

Er antwortete, dass er keine feuerspeienden Götter kenne, nur feuerspeiende Berge. Alle feuerspeienden Berge von Java seien unter der Erde miteinander verbunden, und wenn sie ausbrächen, dann sei das nicht eine Strafe der Götter, sondern ein Gesetz der Natur. Dieses Gesetz wolle er herausfinden, aber das sei nicht leicht. Man müsse dazu alles wissen, jede Einzelheit, über jeden einzelnen Berg. Wenn man das Gesetz einmal kenne, dann werde es leicht sein, Ausbrüche vorherzusagen und die Menschen davor zu warnen.

 

Candi Ceto, seine Errichtung datiert auf etwa die Zeit zwischen 1450 und 1470. Er gehört neben dem nur einige Kilometer entfernten Candi Sukuh zu den hinduistischen Tempelkomplexen und kulturhistorischen Schätzen Javas, die abseits der üblichen Routen eher im Verborgenen liegen. Im Komplex des Candi Ceto wird der Fruchtbarkeitskult um den Helden Bhima betrieben, einem Helden aus dem indischen Mahabharata-Epos; Bildquelle: Michael Laser

Siehe auch:  Levenda, Peter. 2011. Tantric Temples: Eros and Magic in Java. Lake Worth, FL: Ibis Press. | Duijker, Marijke. Diss. 2010. The Worship of Bhima. The representations of Bhima on Java during the Majapahit Period. Amstelveen: EON Pers;

 

 


 

Anmerkungen zum Kapitel

 

Tuan Wolanda | Tuan = Herr, Wolanda (verballhornt für): Holland, Holländer

Tjeto-Tempel | (heutige indon. Schreibweise: Candi Ceto), hindu-javanischer Tempel aus dem 15. Jahrhundert, am Abhang des Gunung Lawu, auf etwa 2000 m Höhe.

Tjemorobäume | (heutige indon. Schreibweise Cemara): zur Gattung der Casuarinen gehörende Baumart, die Junghuhn in Mittel- und Ostjava entdeckte und die nach ihm Casuarina Junghuhniana Miq. benannt ist.

Orang gila | Verrückter

Glagah | Grasart

Tuan Beasr | Gnädiger Herr

Raksasa | Ungeheuer

kasar | grob

   

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Seite 3 | Stimmen: Djojodono – Reisbauer aus Balong (2)

 

Am nächsten Morgen hatten wir nichts zu essen. Wir hatten den letzten Reis am Abend zuvor verzehrt. Auch das Wasser war alle und oben gab es keines. Ich wusste, dass wir früh aufbrechen mussten, um vor der Dunkelheit Balong zu erreichen und drängte die Jungen, zu packen. Aber als wir bereit zum Abmarsch waren und uns nach Norden wandten, woher wir gekommen waren, wies uns der Tuan in die Gegenrichtung. Südlich vom Gipfel vermutete er einen Krater, den er sehen wollte.

 

Es gab einen Aufstand. Die Jungen weigerten sich, mitzugehen. Sie wollten nach Haus und drohten, sofort aufzubrechen und das Gepäck liegen zu lassen. Ich versuchte, sie zu beruhigen. Ich sagte, ich würde dem Tuan Wolanda ein kleines Stück nach Süden folgen. Sie sollten hier oben auf uns warten, es würde nicht lange dauern. Sie murrten, willigten aber schließlich ein.

 

Der Tuan Wolanda hatte recht, es gab tatsächlich wenige Meter unter dem Gipfel einen großen alten Krater. Es war einschrecklicher Ort und ich fürchtete mich sehr. SchwarzeFelstrümmer lagen überall wild durcheinander, es gab tiefe Höhlen und Spalten. Ich drängte zur Rückkehr, aber er stand wie angewurzelt da, wo der Kraterrand steil nach Süden abfiel.Er rief mich zu sich und sagte:

 

»Dort werden wir absteigen! Es ist nur halb so weit wie nach Balong. Heute Mittag könnt Ihr essen was und so viel ihr wollt, ich gebe euch ein Fest! Geh zurück, sage es den Jungen und hole sie her!« – Ich blickte hinunter. Tief unter uns lag ein Dorf an einem kleinen See, es wirkte tatsächlich sehr nahe.

 

Ich wagte einzuwenden: »Ich sehe aber keinen Weg, Tuan!« –

 

Er schrie mich an: »Es gibt immer einen Weg! Lass das meine Sorge sein!« und ich machte, dass ich weg kam.

 

Es gelang mir, die Jungen zu überreden, aber ich hatte ein schlechtes Gefühl dabei. Als wir bei dem Tuan im Krater ankamen, merkte ich, dass er sehr erleichtert war, uns zu sehen. Er hatte wohl gedacht, wir würden ihn verlassen. Wir begannen also den Abstieg. Ich habe ihn nie vergessen, er führte über meterhohe Felstrümmer. Nur über Felstrümmer, es gab nichts

 

anderes. Manchmal, wenn sie zu hoch waren, mussten wir uns durch enge Spalten zwischen ihnen hindurchzwängen. Einmal glaubten wir, den Weg gefunden zu haben. Aber dann standen wir plötzlich vor einer Schlucht, in die es senkrecht hinunterging und mussten wieder umkehren. Nach einiger Zeit kamen wir in dichten Nebel, der den ganzen Tag anhielt. Denn wir waren natürlich nicht, wie der Tuan gesagt hatte, mittags im Tal. Es war mühsam und wir kamen nur sehr langsam voran. Es gab immer noch keine Spur von einem Weg. Und kein Wasser.

 

Als es dunkel wurde, suchten wir uns eine geeignete Stelle in den Trümmern, wo wir die Nacht verbringen konnten und sammelten etwas Feuerholz. Wir waren so erschöpft, dass wir sofort einschliefen. Als ich aufwachte, sah ich, dass der Tuan dicht neben den Resten des Feuers kauerte und vor Kälte zitterte.

 

»Ich höre etwas rauschen, es muss ein Bach in der Nähe sein!« sagte er. »Hol Wasser! Ich habe großen Durst!«

 

Ich kletterte in die Richtung, aus der das Geräusch kam, das ich jetzt auch hörte, aber da war kein Bach, nur eine Felsspalte, aus der unter Brausen dicke Dampfwolken herausquollen. Aber auf dem Rückweg zum Lager entdeckte ich, dass an vielen Stellen eine Pflanze zwischen den Steinen wuchs, deren Stängel Flüssigkeit enthält. Ich wusste, dass man seinen Durst löschen kann, wenn man diese Stängel kaut. Einige sammelte ich für den Tuan und gab auch den Jungen Bescheid, wo sie sie finden würden. Der Tuan kaute, dann verzog er das Gesicht und spuckte aus.

 

»Es geht nicht, es brennt wie Feuer in meinem Rachen!« –

 

»Dann trinken Sie den Tau von den Blättern, Tuan besar!« sagte ich. Er erhob sich und verschwand im Wald. Er wollte nicht, dass wir zusahen, wie er die Blätter der Sträucher ableckte.

 

Zwei von den Jungen waren so schwach, dass ich fürchtete, wir müssten sie zurücklassen. Aber sie weigerten sich, allein zu bleiben, wegen der Tiger, und so machten wir uns wieder auf den weglosen Weg. Wir kamen sehr langsam voran. Immer noch Felstrümmer und kein Ende. Immer noch dichter Nebel, ein Zeichen, dass wir hoch über dem Tal waren. Gegen Mittag waren wir alle, auch der Tuan, nahe daran, die Hoffnung aufzugeben. Wir glaubten unsere letzte Stunde sei gekommen. Wir taumelten nur noch vorwärts.

 

Dann sah ich es: Eine winzige Axtspur in einem Baumstamm! Holzsammler waren hier gewesen! Von hier aus gab es einen Weg ins Tal, wir waren gerettet, wenn wir ihn fanden!

 

Wir fanden den Weg, wir fanden sogar Wasser und eine Stunde später standen wir vor einer Bambusbrücke, die über eine Schlucht führte. Wir schrien alle laut vor Freude, der Tuan Wolanda am lautesten.

 

Als die Sonne unterging, kamen wir in das Dorf. Es hieß Gondosuli. Keiner von uns hatte je von einem Dorf gehört, das diesen Namen hatte. Wir fragten uns zum Dorfältesten durch. Bis wir an seinem Haus ankamen, hatten wir sämtliche Frauen und Kinder an den Fersen. Der Dorfälteste wollte wissen, wo wir herkamen.

 

»Von da oben!« sagte der Tuan Wolanda und wies auf den Gipfel.

 

»Das glauben wir nicht«, riefen sie. »Es ist unmöglich, dort hinaufzugehen, es ist viel zu weit, noch nie ist jemand dort oben gewesen, die Götter würden zornig werden, wenn man sie stört und Feuer über uns gießen!« – Ich sah den Tuan Wolanda an und er sah mich an. Wir lächelten beide.

 

Wir feierten unsere glückliche Errettung mit einem großen Festessen, und danach kamen Musikanten und vier Ronggengs, die für uns tanzten.

 

 

 

Franz Wilhelm Junghuhn (1809 – 1864) ist einer der großen Naturforscher des 19. Jahrhunderts – heute jedoch zu Unrecht weitgehend vergessen. In ihrer Biografie folgt die Autorin seinem abenteuerlichen, konfliktreichen Leben und gibt einen Einblick in sein wissenschaftliches Werk, dessen bedeutendster Teil ein glänzend geschriebenes »Naturgemälde» der indonesischen Insel Java war. Junghuhn wird gewürdigt als Botaniker und Geologe, als »Vater des Chinins«, als früher Verfechter des Ökologiegedankens und Philosoph, der die Natur als Quelle aller religiösen und ästhetischen Erfahrung sah.

 

 

 

 

Foto rechts: F.W. Junghuhn (1809-1864), S

elbstporträt, Preanger (West-Java) 1860, Autor: F. W. Junghuhn ; Quelle: KITLV Leiden / Attribution 4.0 International (CC BY 4.0)

 

 

Renate Sternagel | Germanistin und Historikerin. Sie hat 16 Jahre auf Java verbracht, zuerst in Jakarta, später in Bandung, und sich in dieser Zeit mit niederländischer Kolonialgeschichte und den deutschen Spuren in Indonesien beschäftigt.

 

2006 gab sie unter dem Titel Heute werde ich Absonderliches sehen die javanischen Tagebuchbriefe der deutschen Schriftstellerin Therese von Bacheracht aus den Jahren 1850 bis 1852 heraus.

 

2011 folgte die Biografie Der Humboldt von Java. Leben und Werk des Naturforschers Franz Wilhelm Junghuhn; 2014-2016 gemeinsam mit Gabriele Schneider die dreibändige Briefedition Ein Leben auf dem Papier – Fanny Lewald und Adolf Stahr. Der Briefwechsel 1846 bis 1852.

 

 

Renate Sternagel: Der Humboldt von Java: Leben und Werk des Naturforschers Franz Wilhelm Junghuhn 1809 – 1864, Mitteldeutscher Verlag Halle, 2011, 2. durchgesehene Auflage, 351 Seiten. Br., 140 × 200 mm, s/w- und Farbabbildungen, ISBN 978-3-89812-841-4, 18,00 Euro

  

  

 


 

 Anmerkungen zum Kapitel

 

Gondosuli | das Dorf Gondosuli liegt am Berghang des Gunung Lawu und entspricht in der hier präsentierten Erzählung dem ersehnten aber eher zufällig endeckten Abstiegsort bei dieser Expedition. Wenn nicht der Führer seiner Trägerkolonne einen talwärts führenden Pfad gefunden hätte, wären wohl alle verdurstet und verhungert; siehe auch den Kartenauschnitt (Lage).

Ronggeng | javanische Tänzerin

 

  

 


 

Blick auf Gunung Merapi (Zeichnung Junghuhns); Quelle: Topographischer und naturkundlicher Atlas zur Reise durch Java, Magdeburg 1845

 

Ausgewählte Literaturhinweise

 

Werke Junghuhns:

 

Topographische und naturwissenschaftliche Reisen durch Java, hg. von Dr. C. G. Nees von Esenbeck, Magdeburg 1845

 

Die Battaländer auf Sumatra. Aus dem holländischen Original übersetzt vom Verfasser. 2 Bände Berlin 1847

 

Java, seine Gestalt, Pflanzendecke und innere Bauart. Nach der zweiten verbesserten Auflage des holländischen Originals in’s Deutsche übertragen von J. K. Hasskarl. Zweite Ausgabe Leipzig 1857. Band 1: Die Gestalt und Bekleidung des Landes. Band 2: Die Vulkane und vulkanischen Erscheinungen. Band 3: Die neptunischen Gebirge.

 

Java-Album. Landschaftsansichten von Java. Leipzig 1856.

 

Literatur über Junghuhn:

 

Nieuwenhuys, Rob, Jaquet, Frits: Java´s onuitputtelijke natuur, reisverhaalen, tekeningen en fotografieen van Franz Wilhelm Junghuhn, Aalphen aan den Rijn 1980.

 

Beekman, E. M.: Franz Junghuhn, in: Troubled Pleasures, Dutch colonial Literature from the East Indies 1600-1950. Oxford [u.a.], Clarendon Press, 1996. S. 147–201

 

Siebert, Rüdiger: Der Humboldt von Java. Franz Wilhelm Junghuhn, Arzt und Naturforscher. – in: S. R.: Deutsche Spuren in Indonesien. Bad Honnef 2002. S. 45–64.

 

Felicitas Hoppe: Verbrecher und Versager, Hamburg 2004 (Roman. Darin ein Kapitel über Junghuhn)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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